1 Einführung: Inhalt und Aufbau der Vorlesung

Die Zeit zwischen der Glorious Revolution 1688/9 und dem Regierungsantritt Georg III. (der zeitweise geisteskranke patriot king) 1760 bildet innerhalb der britischen Geschichte eine „Sattelzeit“ (Koselleck). Auch im europäischen Kontext ist das 18. Jahrhundert die Schwelle zur Moderne. Dabei hatte Großbritannien eine Vorrteiterrolle: die englische Verfassung mit den drei Gewalten König, Ober- und Unterhaus z.B. galt den französischen Philosophen (Montèsqieu) als ideale Staatsform, die Geschworenengerichte und die Gleichheit des Adels und des Volkes vor dem Gesetz ebenfalls. Auch die Leibeigenschaft und die meisten adeligen Privilegien war schon seit langem abgeschafft – man war stolz auf die birthrights of free englishmen. Diese Rechte sind nicht zu verwechseln mit den natural rights (Menschenrechten), die zu Beginn des 18. Jahrhunderts noch keine besondere Rolle spielten. Ein spezielles Charakteristikum von Sattelzeiten, die „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ läßt sich auch im England des 18. Jahrhunderts beobachten. Beim Wahlrecht z.B. hielten konservative Kreise noch am traditionellen Klientelsystem fest – d.h. ein Patron gibt seinen Klienten eine Wahlanweisung und belohnt folgsame Wähler –, während die politische Richtung der real whigs heftig gegen dieses Verfahren opponierte und es als Korruption bezeichnete. Auch in der Mentalitätsgeschichte bestanden mittelalterliche und neuzeitliche Vorstellungen parallel: Schmerz, der wegen der geringen medizinischen Möglichkeiten und der allgemeinen Brutalität der Gesellschaft lange Zeit als unvermeidlich und alltäglich betrachtet wurde, galt nun als vermeidbares Übel. In früheren Zeiten waren öffentliche Hinrichtungen eine Unterhaltung und moralische Erbauung für die ganze Familie, nun traten sie wie Tierkämpfe und Schläge als Erziehungsmittel zurück; und wenn Dr. Johnson 1772 den Grundsatz aufstellte, ein Lehrer sei nur dann zu tadeln, wenn er seinen Schülern die Knochen breche, galt er mit dieser Einstellung schon als konservativ. Teile der Bevölkerung hielten häufige Schläge gegen Menschen und Tiere für grausam und unnötig.

Räumlich umfaßt die Vorlesung außer England mit dem seit langem angegliederten Wales auch Schottland, Irland und die Kolonien. Schottland war unter Heinrich VIII. der Erzfeind Englands gewesen, Elisabeth I. führte Krieg gegen die Schottin Maria Stuart. Ironischerweise wurde deren Sohn James I. mangels einer Alternative 1603 König beider Länder. 1707 löste sich das schottische Parlament mit dem Act of Union auf und entsandte Abgeordnete nach Westminster. Damit wurde aus England Great Britain, obwohl weiterhin unterschiedliche Gesetze für England und Schottland verabschiedet wurden. Die Eingliederung Irlands war erheblich brisanter, weil die Iren nicht (wie Schottland) eine eigene Staatskirche hatten, sondern katholisch waren. Die Kolonisierung durch britische und schottische Siedler führte wiederholt zu Auftsänden, die zwar mit großer Brutalität niedergeschlagen, in England selbst aber kaum wahrgenommen wurden. Erst mit den 1760er Jahren begannen Reformen, die 1801 zu einem neuen Act of Union führten. Auch vorher galt Irland fast als Kolonie (bewohnt von savages, nach einem englischen Vorurteil), wenn es auch ein eigenes Parlament hatte. Die wichtigste der eigentlichen Kolonien war natürlich Indien, der indische Handel – vor allem mit Tee und Gewürzen – lag komplett in den Händen der East India Company, die immer mächtiger wurde und ganze Königreiche verwaltete (was britische Politiker erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts als Problem sahen). Seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts wuchs das Empire rasch. Die Schotten nahmen aktiv an der Kolonisierung teil und stellten Soldaten und Plantagenaufseher. Die West Indies in der Karibik (u.a. Jamaica und Barbados) lieferten Tabak, seit der Mitte des 17. Jahrhunderts aber hauptsächlich Zucker. Die harte Arbeit auf den Zuckerrohrplantagen verrichteten Sklaven aus Westafrika. Diese Konstellation führte bald zu einem schwungvollen Dreieckshandel: Manufakturwaren aus Großbritannien wurden in Westafrika gegen Sklaven eingetauscht, die in der Karibik Rohstoffe für den englischen Markt produzierten. Die nordamerikanischen Kolonien waren bis in die 1760er Jahre treue Untertanen der Krone und fungierten ebenfalls als Abnehmer teurer britischer Produkte bzw. Lieferanten billiger Rohstoffe. Afrika war in diesem Zeitraum nur Stützpunkt für den Sklavenhandel und wurde erst während des Imperialismus von europäischen Mächten besetzt.

Der Handel mit den Kolonien und die Fortschritte im Manufaktur- und Fabrikwesen führten bald zu einem hohen Wohlstand und erheblicher Wirtschaftskraft des britischen Staates. Die negativen Begleiterscheinungen (Landflucht und Verslummung in den Großstädten) nahmen erst im 19. Jahrhundert bedrohliche Ausmaße an, so daß die Zeitgenossen noch uneingeschränkt stolz auf ihre Leistungen waren. Überhaupt hielten sich die Briten wegegn ihrer Verfassung, ihres Geldes und ihrer Schriftsteller (Samuel Richardson, Oliver Goldsmith) und Philosophen (Adam Smith, David Hume) für die zivilisierteste Nation Europas. Sie bezogen sich dabei auf das Modell eines stufenweisen Aufstiegs von Jägern und Sammlern bis zu einem Volk von reichen Händlern. Tatsächlich bildete Frankreich in vielen kulturellen Bereichen weiterhin die europäische Avantgarde.

Die Bezeichnung „Glorreiche Revolution“ stammt von den Geschichtsschreibern der Whigs, die sich während und unmittelbar nach den Vorgängen als treibende Kraft einer segensreichen Entwicklung darzustellen versuchten. Der Versuch gelang – bis etwa 1950 waren der Begriff und die dahinter stehende Deutung akzeptiert: Die Stuart-Könige hatten versucht, eine absolutistische Herrschaft einzuführen und den Engländern die katholische Religion aufzuzwängen. Die freiheitlich gesinnten Engländer (natürlich unter Führung der Whigs) lehnten sich gegen diesen Versuch auf und legten mit der Verfassung von 1689 den Grundstein für den Aufstieg Englands zur Weltmacht. Schließlich trat Wilhelm von Oranien als uneigennütziger Retter der Nation auf. Aber war der Sturz des Stuart-Königs tatsächlich ein radikaler Einschnitt oder eher eine Reform? Nachdem die Forschung eine Zeit lang zur zweiten Interpretation tendierte, nimmt man mittlerweile an, daß zwar die Whig-Propaganda dieser Zeit den Eindruck zu erwecken versuchte, es gebe keine grundlegenden Veränderungen (um die Konservativen im Parlament zu beruhigen), daß aber tatsächlich ein Umbruch des Systems stattfand, immerhin wurde der König abgesetzt. Auch über die Rolle Wilhelms besteht heute ein neuer Konsens; er brauchte vor allem die englische Unterstützung im Kampf der Niederlande gegen Frankreich. Die Vertreibung Jakobs ging nicht so glimpflich ab wie von den Whigs behauptet, in Irland gab es Schlachten mit königstreuen Regimentern. Ebenso ist die Frage offen, ob Jakob tatsächlich eine absolutistische Herrschaft verfolgte.

Schließlich geht es noch um die Bedeutung der Parteien im 18. Jahrhundert. Der Namierite approach, benannt nach einem Werk Lewis Namiers (1929), geht davon aus, daß es bis 1760 praktisch keine Parteien gab und dementsprechend auch keine politischen, sondern nur Interessenskonflikte, die sich aus dem Klientelsystem und persönlichen Freundschaften ergaben. Die neuere Forschung nimmt allerdings an, daß es sehr wohl Parteien gab und daß die Konflikte zwiwschen ihnen sogar das Regime hätten stürzen können. Eine prominente Gegenstimme (Jonathan Clark) nennt das England des 18. Jahrhunderts dagegen ein ancien régime, in dem Religion und soziale Bindungen alles, politische Ideologien nichts bedeuteten. Diese Position ist unter anderem von Joanna Innes kritisiert worden und ist relativ isoliert.