1.2. Indien

Zum britischen Empire gehörten nordamerikanische Kolonien, die mittelamerikanischen Zuckerinseln und militärische Stützpunkte in Afrika, über die der Dreieckshandel mit Sklaven, Manufakturwaren und Rohstoffen lief. Für hochwertige Waren aus Bristol, London und Liverpool wurden dort schwarze Sklaven eingetauscht und nach Südamerika, auf die westindischen Inseln und nach Nordamerika gebracht. Der Sklavenhandel wurde allerdings 1808 verboten, 1833 folgte die Emanzipation der Sklaven in den britischen Kolonien.

Den wirtschaftlich und politisch wichtigsten Kolonialbesitz bildete Indien. Die britischen Stützpunkte Kalkutta, Bombay und Madras wurden ohne Mitwirkung der Londoner Regierung von der mächtigen East India Company verwaltet. Um ihr Ziel der Profitmaximierung zu erreichen die Gesellschaft gezwungen, auch politisch tätig zu werden, die einheimischen Herrscher gegeneinander auszuspielen und sich auch militärisch zu engagieren. Bis etwa 1760 gelang es ihr, den britischen Einflußbereich stark auszuweiten und gewaltige Dividenden für ihre Teilhaber zu erwirtschaften, von denen die Regierung indirekt über die Zolleinnahmen profitierte. Erst als Ende der 1760er Jahre eine Hungersnot in Bengalen ausbrach und der Handel zum Erliegen kam, geriet die Gesellschaft in finanzielle Schwierigkeiten. Angesichts des drohenden Bankrotts bat sie die Regierung um einen Kredit. Als Gegenleistung mußte sie London ein politisches Mitspracherecht in ihrem Machtbereich zusichern. Das Ziel der Regierung war eine größere Stabilität der britischen Politik in Indien und eine Entflechtung von Justiz und merkantilen Interessen. Die Verwaltung in Kalkutta wurde zur übergeordneten Instanz gemacht, um die teilweise widersprüchlichen Praktiken in den verschiedenen Gebieten zu vereinheitlichen. Das Zivilrecht wurde der Gesellschaft – im Gegensatz zum Handelsrecht – zwar entzogen, allerdings ernannte London nur drei Richter für das gesamte indische Gebiet. Vor der Verabschiedung des entsprechenden Gesetzes hatte es eine Untersuchung gegeben, die (für britische Verhältnisse) erschreckende Verhältnisse offenbarte: Nach indischem Brauch brachte ein niedrigrangiger Gesprächspartner dem Höhegestellten bei jedem Besuch ein Geschenk mit. Da die Angestellten der Gesellschaft grundsätzlich den höchsten Rang einnahmen, erhielten sie regelmäßig große Geschenke. So mußte sich der Generalgouverneur Robert Clive vor dem Parlament dafür verantworten, daß er ein Geschenk im Wert von 100.000 £ (der Jahrsverdienst einer durchschnittlichen englischen Familie betrug 50 £) angenommen hatte. Clives Nachfolger Warren Hastings hatte sich während seiner Amtszeit in Maßen bereichert und alle Einzelgeschenke über 20.000 £ der Gesellschaft zukommen lassen. Trotzdem kehrte er mit 100.000 £ nach England zurück und wurde von Edmund Burke der Korruption angeklagt. Die britische Öffentlichkeit stand hinter Burke, das Verfahren endete allerdings 1795 mit einem Freispruch. Eine Parlamentskommission wurde eingesetzt, um die „poor helpless natives“ zu schützen – nachdem sie über 150 Jahre ohne britische Anteilnahme der Willkür der Gesellschaft ausgesetzt gewesen waren. 1784 wurde mit dem East India Act ein parlamentarischer Kontrollausschuß für Indien etabliert, dem der Generalgouverneur in Kalkutta unterstellt sein sollte. Durch den langen Schiffsweg zwischen London und Kalkutta (9 Monate) änderte sich an der despotischen Herrschaft der Gouverneure allerdings nichts. Der Wille zur Reform und die öffentliche Anteilnahme am Schicksal der Inder hatte keinen Einfluß auf den Fortbestand der Abhängigkeiten.

Auch die offiziellen Leitlinien der britischen Politik in Indien – keine Eroberung und Herrschaftsausdehnung – wurden durch die Realität ad absurdum geführt: Hastings ließ sich in einen langwierigen Krieg in Bengalen verwickeln, in dem die gegnerischen Fürsten von Frankreich unterstützt wurden und der 1782 mit einem für England günstigen Frieden endete. Der Widerstand gegen den Aufbau eines Empire gründete sich auf das Vorbild Rom: Nach englischer Lesart war Roms Führungsschicht erst durch Einkünfte aus den lukrativen Provinzen verweichlicht, so daß Augustus die Senatsherrschaft beenden konnte. Besondere Gefahr drohte aus Indien, wo die Fürsten wie Götter verehrt wurden. Deshalb gelang es noch 1877 der Königin Victoria nur mit Mühe, sich den Titel einer Kaiserin von Indien verleihen zu lassen. In Wirklichkeit verfolgte England schon lange imperialistische Ziele, aber erst in den 1880er Jahren setzte sich auch eine zustimmende Haltung durch. Dann allerdings galt eine Politik wie die des Gouverneurs Hastings (gewissenlos und tyrannisch im Dienste Englands) bis in die 1960er Jahre als „heroisch“.