Regie: Achtung bitte, noch 5 Sekunden...
Das Licht geht an, die drei richten sich auf, blicken ins Publikum und lächeln maskenhaft.
Moderator: Guten Abend, meine Damen und Herren, zur heutigen Talkrunde mit dem Thema Private Bildungspolitik
. Meine Gäste sind die Bildungsministerin des Landes, Elsa Eckwein-Fliesenkötter –
Die Ministerin nickt in die Kamera.
Moderator: – und Lina Küpper, Professorin für frühkindliche Bildung an der Universität Köln –
Die Expertin nickt.
Moderator: – herzlich willkommen! Frau Ministerin, die erste Frage geht an Sie: Immer mehr Eltern investieren alles in die Bildung ihrer Kinder – wird das staatliche Bildungssystem abgehängt?
Ministerin: Natürlich nicht! Im laufenden Jahr haben wir landesweit bereits 2500 Euro...
Moderator: So hoch ist das jährliche Schulgeld für die immer beliebteren Privatschulen ...
Die Ministerin blickt ihn böse an.
Ministerin: ... in dringend benötigte Reparaturarbeiten investiert. Das tropfende Dach in der Turnhalle der Friedrich-Ebert-Grundschule in Recklinghausen, der defekte Zaun um das Schulgelände der Theodor-Mommsen-Realschule ...
Expertin: Kosmetik!
Die Ministerin blickt sie böse an.
Ministerin: Die ersten Probleme sind angepackt, und wir sind auf einem guten Weg ...
Moderator: Sehen wir uns doch kurz an, wie Eltern mit der Herausforderung Bildung umgehen. Wir schalten jetzt live auf einen Spielplatz in Köln-Mülheim... Paula, hörst Du mich?
Spot auf den Spielplatz
links vom Studio. Man sieht eine Außenreporterin und einen Vater in Trainerkleidung (mit Trillerpfeife auf der Brust). Im Hintergrund stricken zwei Väter.
Außenreporterin: Ja, Paul, ich höre Dich – und vor mir steht Klaus Zackerath, Vorletzter im Freistilringen in Sydney 2000... Herr Zackerath, was tun Sie für die Bildung Ihrer Kinder.
Zackerath: Also, das Wichtigste ist natürlich... [greift plötzlich nach seiner Pfeife, trillert und brüllt zur Seite] Nein, Nina, nicht loslassen – der hat noch nicht abgeschlagen! Haltegriff! Genau so ... also, das Wichtigste ... nein! Auch nicht, wenn der weint! ... das Wichtigste ist der Kampfgeist. Niemals aufgeben. Weitermachen.
Außenreporterin: Nachvollziehbar... und wie sieht für Sie eine optimale Balance zwischen soft skills wie sozialer Kompetenz und abfragbarem Wissen, also etwa Arithmetik oder Genetik, aus?
Zackerath [verständnislos]: Hä? [wieder zur Seite] Was heißt hier brutal? Wenn Ihr Kleiner so empfindlich ist, soll er sich halt nicht mit Nina anlegen!
Außenreporterin: Und damit zurück ins Studio.
Moderator: Danke, Paula. Frau Professor Küpper... sind Väter wie Klaus Zackerath ein Vorbild?
Expertin: Ein engagierter Vater, sicher... aber nach meinen Erkenntnissen ist eine durchgängige Betreuung jedes Kindes durch mindestens vier akademisch gebildete Lehrpersonen absolut unerlässlich. [zur Ministerin] Und das schon ab 12 Monaten!
Die Ministerin zuckt zusammen.
Expertin: Schon mit einer moderaten Erhöhung des Bildungshaushaltes um 1700% ließen sich die Grundlagen für eine moderne Bildungspolitik legen. Ansonsten sehe ich leider schwarz...
Die Ministerin starrt sie fassungslos an.
Moderator: Intensive Betreuung ist auch das Thema von Ann-Kathrin Claussen – in Köln-Deutz – Paula?
Spot auf die rechte Seite des Studios, eine Büroszene.
Außenreporterin [außer Atem]: Frau Claussen, Sie haben Ihre wöchentliche Arbeitszeit auf 50 Stunden reduziert, um Ihren Sohn Finn-Fabian optimal zu fördern. Wie sieht die Förderung genau aus?
Claussen [geschmeichelt in die Kamera lächelnd]: Finn-Fabian wird optimal auf sein späteres Berufsleben vorbereitet [schaut in ihren Terminkalender auf dem Schreibtisch] – montags und mittwochs Chinesisch, jeweils ganztägig, Dienstagvormittag Makroökonomie, nachmittags Mikroökonomie, donnerstags Rhetoriktraining, freitags Business-Englisch, und am Samstag Handelsrecht – [zur Seite] Finn-Fabian, jetzt beeil Dich mit dem Essen, Herr Li kommt gleich wieder.
Außenreporterin [zögernd]: Ja, aber... kann er denn auch mal ein bisschen spielen?
Claussen: Natürlich! Am Sonntag spielen wir den ganzen Tag Schach, und abends darf er noch ein bisschen lesen.
Außenreporterin: Was liest er denn am liebsten?
Claussen: Das Handelsblatt.
Außenreporterin [irritiert]: Und damit zurück ins Studio.
Moderator: Danke, Paula. Frau Ministerin, was können die staatlichen Schulen zielstrebigen Eltern wie Klaus Zackerath und und Ann-Kathrin Claussen eigentlich noch bieten?
Ministerin [kämpferisch]: In der Nelson-Mandela-Gesamtschule in Duisburg gibt es ab März einmal im Monat eine Musik-AG für bis zu fünf Schüler, die...
Expertin: Kosmetik!
Ministerin blickt sie böse an.
Ministerin: ... und in der Rheinschule im schönen Köln wird die Turnhalle künftig am Dienstagnachmittag für alle Schülerinnen und Schüler geöffnet. [triumphierend] Das habe ich persönlich gegen den Hausmeister durchgesetzt!
Expertin klatscht spöttisch.
Moderator, diplomatisch: Eine beeindruckende politische Leistung. Und jetzt haben wir auch unseren ersten Anrufer in dieser Sendung, Herrn... Ralf Schmitz aus... Köln-Mülheim?
Die Ministerin zuckt zusammen.
Schmitz: Frau Eckwein-Fliesenkötter! Ich habe gesagt: Einmal können wir das machen. Ausnahmsweise.
Moderator: Ich verstehe nicht ganz...
Schmitz: Die Frau Ministerin versteht mich ganz gut: Die Turnhalle bleibt nachmittags zu! Wiederhören!
Moderator [geistesgegenwärtig]: Das war offenbar der Hausmeister der Rheinschule. ... Schalten wir jetzt noch einmal nach Köln-Höhenhaus zu Raimund Lungsich, der sich ebenfalls Gedanken um die Zukunft seiner Kinder macht.
Die Ministerin blickt betreten zu Boden. Spot links vom Studio.
Außenreporterin [völlig außer Atem]: Herr Lungsich, Sie investieren...
Lungsich [unterbricht, milde tadelnd]: Bildung ist doch keine Investition.
Außenreporterin: ... in die Zukunft ...
Lungsich [kichernd]: Sie verwechseln mich mit Kassandra.
Außenreporterin: ... Ihrer Kinder.
Lungsich: Ich kann meine Kinder nur auf die Wechselfälle des Lebens vorbereiten, indem ich ihnen das Ideal der Stoa nahebringe. Absolute Gelassenheit ist ... [zur Seite] Kleanthes, überleg Dir einmal in Ruhe: Glaubst Du, dass dieses Mädchen ein fühlendes Wesen ist? Und wenn ja: glaubst Du, dass fühlende Wesen gern mit dem Kopf in den Sand gesteckt werden?
Außenreporterin [befremdet]: Dürfen die beiden denn auch mal toben?
Lungsich [milde lächelnd]: Was sollte das für einen Sinn haben? Meinen Sie denn, toben fördere die emotionale Selbstbeherrsch... [zur Seite] Ja, Zenon, der Junge hat Deinen Bagger zertreten. Aber ist es klug, den eigenen Gemütszustand an ein lebloses Objekt wie einen Spielzeugbagger zu binden?
Außenreporterin: Und damit zurück ins Studio.
Moderator [allein mit der Expertin]: Danke, Paula. Hier haben sich inzwischen dramatische Szenen abgespielt. Frau Eckwein-Fliesenkötter ist nach einem kurzen Telefonat mit der Ministerpräsidentin zurückgetreten, und ich freue mich, die neue Bildungsministerin begrüßen zu dürfen... [wendet sich zur Expertin] Frau Ministerin Küpper, herzlichen Glückwunsch zum neuen Amt – was dürfen wir von Ihrer Amtszeit erwarten?
Expertin/Ministerin [geschmeichelt lächelnd]: In der Turnhallenfrage ist das letzte Wort auf jeden Fall noch nicht gesprochen. [in die Kamera] Herr Schmitz – Sie hören von mir!
Moderator [begeistert]: Und der Bildungsetat? Wie wollen Sie die Erhöhung um 1700% politisch...?
Expertin/Ministerin [schüttelt bedauernd den Kopf]: Bei der aktuellen Haushaltslage sehe ich leider keinen Spielraum für zusätzliche Mittel. Aber trotz der begrenzten Möglichkeiten haben wir im laufenden Jahr landesweit bereits 2500 Euro in dringend benötigte ...
Regie: Danke, das genügt.
Licht aus.