Die „Glorreiche Revolution“ (um den Whig–Begriff zu benutzen) verlief im Grunde deshalb so wenig radikal, weil die „Puritanische Revolution“ 50 Jahre früher so schrecklich gewütet hatte: Ein Großteil der Engländer wollte nicht wieder eine Hinrichtung des Königs, eine Militrädiktatur und religiöse Verfolgung. Wie war es damals so weit gekommen?
Seit den 1620er Jahren hatte es immer wieder Kritik am König gegeben, die in der Regierungszeit Karl I. (seit 1625) zum Ausbruch kam. Sie richtete sich auf drei Felder:
Durch mehrere Fehlentscheidungen und eine Niederlage im Krieg gegen Schottland kam es schließlich 1642 zur ersten Schlacht des Bürgerkriegs in Edge Hill. Der Konflikt sollte sich bis 1649 hinziehen und mit der Hinrichtung des Königs enden. Zunächst brachte er für die große Masse der Bevölkerung eine weitere Verschlechterung der Situation: beide Kriegsparteien erhoben Steuern, in den Heeren kämpften Verwandte gegeneinander und das puritanische Parlament untersagte aus religiösen Gründen jegliche Vergnügungen. Auch die New Model Army war vielen gerade wegen ihrer disziplinierten Erfolge suspekt: Offiziere nach Befähigung zu befördern verstieß gegen die Tradition und war ein Anzeichen für wachsende soziale Mobilität. Ein auf diese Weise errungener Sieg war gegen den Willen Gottes und konnte nichts Gutes bringen.
Hinzu kam die Radikalisierung religiöser Sekten wegen des fehlender Zensur im Krieg. Die Staatskirche war zusammengebrochen und die vorher einheitliche Opposition gegen Karl zeigte nu viele religiöse Schattierungen (Baptisten, Presbyterianer, Congretionalisten…). Bei vielen Menschen war ein langsames Abgleiten von eher konservativen Strömungen zu radikalen Sekten zu beobachten – parallel zu dem Zerfall aller bisher gültigen Strukturen. Die meisten Sekten waren sehr klein, verunsicherten aber die Öffentlichkeit sehr:
Der berühmte Stich mit der Überschrift „The world turn’d upside down“ brachte die Stimmung auf den Punkt: alle Ordnung war zerstört, viele waren gestorben, die Steuern waren höher als je zuvor, die Landstriche waren verwüstet. Die Hinrichtung Karl I. am 30. Januar 1649 markierte den Höhepunkt: Man erwartete das Ende der Welt und das Reich Christi.
Bis es zu dieser Hinrichtung kam, mußte natürlich einiges geschehen. Auch nach seiner Niederlage taktierte der König, schmiedete Ränke, belog das Parlament, versuchte zu entkommen und machte keinen Hehl daraus, daß er alles tun würde, um wieder an die Macht zu kommen. Er bildete ein Gefahrenpotential. Natürlich wäre ein „Unfall“ die einfachste Lösung gewesen, aber auch als Geschlagener hatte er noch genug Getreue. Für die undenkbare Prozedur eines Todesurteils gegen den König mußte zunächst das Parlament von moderaten Abgeordneten gesäubert werden. Ein Oberst mit Soldaten vor dem Gebäude bewog die Gemäßigten zur Umkehr, so daß nun ein radikales Rumpfparlament zur Verfügung stand. Aber auch von diesen 80 Radikalen unterschrieben nur 20 das Todesurteil. Rasch stellte sich heraus, daß die Beseitigung Karls ein politischer Fehler gewesen war: Sofort bildete sich eine Gegenbewegung, Karl wurde auf einem populären Stich als religiöser Märtyrer dargestellt. Es folgte eine weitere politische Radikalisierung: Oliver Cromwell, der die Armee in der Hand hatte, herrschte als Lordprotektor. Wie stark aber der Wunsch nach einem König war, zeigte das Angebot der Krone an Cromwell durch das Parlament.
Der Lordprotektor herrschte unbeschränkt, setzte eine religiöse Gewissensprüfung für Abgeordnete durch und nominierte im Notfall das Parlament. Unter ihm hatten die Parlamentarier viel weniger politischen Spielraum als noch unter Karl: Die Finanzierung des stehenden Heeres (also der Grundlage seiner Macht) machte Cromwell zur Pflicht, über die nicht debattiert werden konnte. Kritik gab es vor allem an seiner religiösen Toleranz, die nicht in das Weltbild fanatischger Puritaner innerhalb der Armeeführung paßte. Das Protektorat nahm immer mehr die Züge einer Militärdiktatur an, zeitweise wurden sogar major generals als Statthalter in die neugeschaffenen Militrädistrikte geschickt, um die Steuermoral zu kontrollieren. Diese Maßnahmen verschafften der „Republik“, die das Protektorat darstellen sollte, ein denkbar schlechtes Ansehen. 1658 starb Oliver Cromwell, nicht ohne vorher seinen Sohn als Nachfolger nominiert zu haben. Richard Cromwell hatte weder Rückhalt in der Armee noch politisches Geschick, war aber klug genug, sich rasch zurückzuziehen. Nach zwei Jahren der Unsicherheit berief ein General 1660 das letzte reguläre Parlament von 1641 wieder ein, das die Wiedereinsetzung der Monarchie beschloß. Karl II. kehrte im Triumph zurück und bestieg unter allgemeinem Jubel den Thron.