9.2 Popularisierung der Kunst

Die Diskussion um high culture gab es schon in der Antike, im 18. Jahrhundert kam es aber zu einer entscheidenden Wende: John Brewer (1997) spricht von der Kommerzialisierung der Kunst, die aus dem höfischen Bereich als Produkt in die Mittelschichten eindringt. Im 17. Jahrhundert war Kunst als festlicher Rahmen des Königtums gedacht, der die Aura des Herrschers reflektieren sollte, auf Gemälden wurden Könige deshalb von allegorischen und huldigenden Figuren umgeben. Den ersten Bruch brachte der Bürgerkrieg, der die weitere Kunstbeschaffung des Hofes verhinderte. Wilhelm schickte kurz vor seinem Tod die königliche Sammlung nach Holland, um sie vor den seiner Meinung nach „barbarischen“ Engländern zu schützen. Tatsächlich war diese Entscheidung klug, denn seine hannoveranischen Nachfolger bewiesen keinerlei Kunstsinn: Georg II. verachtete Bücher und bevorzugte Bilder von nackten Frauen, Georg III. kaufte eine italienische Sammlung in toto, ohne sich weiter um die englische Kunstszene zu kümmern. Während das Königshaus als Mäzen also zurücktrat, begannen sich die Mittelschichten für Kunst zu interessieren. Vergnügungsparks mit Ausstellungen, Gärten und Konzerten etablierten sich zum ersten Mal außerhalb des Hofes. Um sich als Mitglied der gesellschaftlichen Elite zu präsentieren, parlierte man gern über Kunst („Der Kunstsinnige hat Teil an der Kunst“) und beschäftigte sich in der Freizeit (die vor allem Frauen der Mittelschicht im Überfluß hatten) mit Ausstellungen, um der drohenden Langeweile (ennuit) zu entgehen. Immer stand aber die moralische Bildung des Charakters (instruct and delight) durch die Kunst im Vordergrund, den unterhaltenden Aspekt genoß man eher mit schlechtem Gewissen. Deftige Dramen wie die restoration comedies, in denen z.B. ein Mr. Horner behauptet, impotent zu sein, um dann die schadenfrohen Ehemänner seiner Umgebung zu hörnen, waren verpönt, stattdessen wurden belehrende Komödien aufgeführt, die nicht zum Lachen, sondern zum Weinen bringen sollten (sentimental comedy). Obwohl es auch Maskenbälle mit eindeutiger Zielsetzung (anonyme sexuelle Abenteuer) gab, mußte jede sexuelle Anspielung in der Kunst vermieden werden. Erst in den 1770er Jahren gab es auch wieder „echte“ Komödien.

Ein spezifisch englisches Phänomen waren die Clubs. Es gab Berufsclubs, Debattierclubs (wie den Robin Hood Club, in dem die Unterschichten politische Fragen diskutierten) und schlichte Alkoholclubs (Hellfire Club). Ebenfalls verbreitet waren die coffee houses, inns und taverns, die hauptsächlich zum Alkoholkonsum dienten. Während die Clubs nichts für Frauen waren, nahmen diese als Autorinnen, Malerinnen und Rezipientinnen von Ausstellungen und Lesungen doch stark am gesellschaftlichen Leben teil. Der Alltag einer typischen englischen Frau der Mittelschicht bestand zum großen Teil aus der Rezeption von neuen Büchern, Zeitschriften, Konzerten, Dramen und Ausstellungen.