9.3 Emanzipation der britischen Malerei

Der Gemälde– und Kunstmarkt war zunächst ganz auf Amsterdam konzentriert. Angeboten wurden nur die alten italienischen Meister, britische Kunst galt als nicht konkurrenzfähig. Die adeligen Kunstfreunde (dilettanti) deckten sich in Amsterdam zu wegen des begrenzten Angebotes hohen Preisen ein oder veranstalteten Bildungsreisen durch Europa und kauften ohne Interesse für Stile und Maler eine möglichst beeindruckende Sammlung zusammen, um ihre Galerien auszustatten. Die grand tour of the continent war auch die Zugangsvoraussetzung für die Society of Dilettanti. Die „Kunstsammlungen“ bestanden oft neben den Gemälden aus lauter Nippes und Merkwürdigkeiten wie Salamandern, Mumienteilen, Wachshänden und ähnlichem. Bilder aus britischer Produktion dienten nur der Ausschmückung des Wohnbereiches: im Treppenhaus hingen Familiengemälde, im Eßzimmer humoristische Szenen, im Wohnzimmer Landschaften. Die Maler mußten sich nebenbei mit der Anfertigung von Schildern über Wasser halten und ihre Landschaften als Teilstücke verkaufen – sie waren nach Ansicht der dilettanti künstlerisch wertlos.

Um sich aus der Vormundschaft der dilettanti zu lösen, versuchten die Maler schon in den 1750er Jahren, eine nationale Akademie für britischen Kunst einzurichten. Die Initiative scheiterte, obwohl sie von den dilettanti finanziell unterstützt wurde – allerdings mit der Auflage, den Präsidenten und die Hälfte der Mitglieder stellen zu können. Einer der profiliertesten Künstler, der sich nicht als Handwerker verstand, war William Hogarth. Seiner Meinung nach stand ein gutes Porträt eines lebenden Mädchens der Darstellung von Kleopatras Tod in nichts nach, auch das Leben der Unterschichten war malenswert. Die strikte Orientierung an den alten italienischen Meistern lehnte er ab und malte stattdessen Serien aus dem Alltag mit didaktischem Anspruch wie Industry and idleness (Der fleißige und der faule Lehrling). Obwohl seine Werke selbst äußerst populär wurden, konnte er sich mit diesen radikalen Ansichten nicht durchsetzen. Sein Kollege Joshua Reynolds gab sich dagegen versöhnlicher und räumte dem Klassischen Vorrang vor dem Alltäglichen ein, dehnte dabei aber den Begriff „Klassik“ weit genug aus, um auch die zeitgenössische Kunst zu berücksichtigen. Trotz seiner Radikalität legte Hogarth das Fundament für die 1769 gegründete Royal Academy of Arts: Um eine neue Käuferschicht neben den dilettanti zu schaffen, ließ er Gemälde als Dekoration in den pleasure gardens der Mittelschicht und in der großen Eingangshalle eines neuen Findlingsheimes ausstellen. Andere Maler schlossen sich zusammen, um nach diesem Vorbild selbst Häuser für Ausstellungen anzumieten, was aber zu Spannungen führte, die darin mündeten, daß die 40 erfolgreichsten Künstler (unter ihnen auch Reynolds) die Academy als eine Eliteinstitution mit normativem Anspruch gründeten. Damit galten die Maler zwar nicht mehr nur als Handwerker und wurden immerhin von Kollegen beurteilt, waren aber weiterhin an ein oligarchisch beschlossenes Kunstkonzept gebunden. Die Macht der Akademie zeigte sich schon bald beim Streit um die Elgin marbles. Der Earl of Elgin hatte in Athen mehrere antike Statuen gestohlen, die er als wertvolle Kunstwerke dem Britischen Museum verkaufen wollte. Da aber sowohl er selbst als auch das Parlament keinen Kunstverstand hatten, wurden die Society of Dilettanti und die Royal Academy of Arts konsultiert: während die einen traditionell urteilten, die Statuen seien wegen ihrer groben Oberfläche und fehlender Teile nicht zur Dekoration geeignet und damit wertlos, bezeichneten die anderen sie als wichtige Werke der Antike. Die Auffassung der Künstler setzte sich durch.