9.4 Drama

Das Theater wurde Anfang des 18. Jahrhunderts noch klar vom Adel beherrscht. Die Autoren und die Figuren der Stücke waren adelig, auftretende Bürger (cits) wurden lächerlich gemacht. In London gab es nur zwei kleine lizenzierte Theater, die wie der Buchmarkt der Vorzensur unterlagen: der Master of the Revels mußte jedes Stück vor der Premiere genehmigen. Gegen fahrende Schauspieler ließen sich die Gesetze gegen Vagabunden anwenden, so daß die Zensur ziemlich gut funktionierte. Nach dem Ende des printing act 1695 und der damit verbundenen relativen Freiheit der Presse geriet aber auch die Vorzensur des Theaters unter Druck. Hinzu kam, daß die Prüfung durch den Master of the Revels eher auf Gewohnheitsrecht beruhte und nicht kodifiziert war. Mit der Einsicht, daß eine strenge Zensur sich nicht mit der englischen Freiheit vereinbaren lasse, ging die Gründung vieler neuer Theater einher. Ein Versuch, die Theaterszene erneut einzuschränken, scheiterte 1735. Weil sich aber die Situation verschärfte – immer mehr Theater mit immer unverblümteren Stücken – fürchteten die Bürger, die Zustände im Westend (wo die zwei lizenzierten Theater lagen) mit Prostitution, Straßenräuber und Hehlerei würden sich über ganz London ausbreiten. Der Regierung kam der Stimmungsumschwung gerade recht, weil die Autoren und Regisseure immer offener Kritik an der Regierung (vor allem an Robert Walpole persönlich äußerten), und 1737 wurde ein neues Zensurgesetz verabschiedet, daß wieder nur die Theater am Covent Garden und in der Drury Lane zuließ. Durch die kurze Zeit der Freiheit war allerdings eine große Nachfrage entstanden, so daß die Räume bis an die Grenze des Möglichen vergrößert wurden: Sie faßten nun 2.000 – 3.000 Zuschauer. Um diese großen Theater auszulasten, wurden keine neuen Stücke mehr gespielt, sondern hauptsächlich Musicals, Potpourris aus alten Erfolgen und der mittlerweile anerkannte Shakespeare (gekürzt um die langweiligen Dialoge und angereichert mit Tänzen) gespielt. Die Preise lagen zwischen einem und drei Schilling, nach dem dritten Akt gab es 50% Ermäßigung – weshalb sich der Saal meist erst dann füllte. Häufig wurden mehrere Stücke hintereinander gespielt, unterbrochen von interloops aus Musik und Tanzeinlagen. Diese Zwischenspiele boten den Schauspielern auch die willkommene Gelegenheit, sich von ihren stimmlichen Anstrengungen zu erholen: Sie mußten nicht nur einen riesigen Raum beschallen, sondern auch noch gegen den ständigen Lärm aus dem Publikum ansprechen. Getränkeverkauf während der Aufführung, Rufe nach Wiederholung einzelner Szenen, Ausbuhen einzelner Darsteller, Kommentare, Verbesserungsvorschläge und das Absingen von Liedern waren üblich. Der Manager und Regisseur David Garrick versuchte, bessere Rahmenbedingungen zu schaffen: 1762 schaffte er die Sitzplätze auf der Bühne ab, 1765 ließ er die Bühne über ein System von Spiegeln besser als den übrigen Raum ausleuchten und verbesserte so die Aufmerksamkeit des Publikums. Dem langsamen Prozeß, das Theater zum anerkannten Kulturgut zu machen, stand auch der schlechte Ruf von Schauspielern entgegen, sie waren der „schlimmste Abschaum der Hölle“, das Theater selbst Stätte von „Unmoral und Verderbnis“. Der schottische Rechtsanwalt James Boswell schrieb über die Begegnung mit einer Schauspielerin, sie sei die sinnlichste Frau gewesen, die er je getroffen habe – um sich einen Absatz später über die Geschlechtskrankheit zu empören, die er sich von diesem „unmoralischen Weib“ geholt habe. Trotz dieser harschen Kritik an den Begleitumständen des Theaters strömten die Menschen weiter zahlreich zu den Aufführungen. Mit der Zeit hatten auch Garricks Bemühungen Erfolg, nicht nur das Theater, auch seine Protagonisten wurden akzeptabel.