Der Vertrag mit Rom von 513 (241) gab den Karthagern Frieden, aber um einen teuren Preis. Daß die Tribute des größten Teils von Sizilien jetzt in den Schatz des Feindes flossen statt in die karthagische Staatskasse, war der geringste Verlust. Viel empfindlicher war es, daß man nicht bloß die Hoffnung hatte aufgeben müssen, deren Erfüllung so nahe geschienen, die sämtlichen Seestraßen aus dem östlichen in das westliche Mittelmeer zu monopolisieren, sondern daß das ganze handelspolitische System gesprengt, das bisher ausschließlich beherrschte südwestliche Becken des Mittelmeers seit Siziliens Verlust für alle Nationen ein offenes Fahrwasser, Italiens Handel von dem phönikischen vollständig unabhängig geworden war. Indes die ruhigen sidonischen Männer hätten auch darüber vielleicht sich zu beruhigen vermocht. Man hatte schon ähnliche Schläge erfahren; man hatte mit den Massalioten, den Etruskern, den sizilischen Griechen teilen müssen, was man früher allein besessen; auch das, was man jetzt noch hatte, Afrika, Spanien, die Pforten des Atlantischen Meeres, reichte aus, um mächtig und wohlgemut zu leben. Aber freilich, wer bürgte dafür, daß wenigstens dies blieb?
Was Regulus gefordert und wie wenig ihm gefehlt hatte, um das, was er forderte, zu erreichen, konnte nur vergessen, wer vergessen wollte; und wenn Rom den Versuch, den es von Italien aus mit so großem Erfolg unternommen hatte, jetzt von Lilybäon aus erneuerte, so war Karthago, wenn nicht die Verkehrtheit des Feindes oder ein besonderer Glücksfall dazwischen trat, unzweifelhaft verloren. Zwar man hatte jetzt Frieden; aber es hatte an einem Haar gehangen, daß dem Frieden die Ratifikation verweigert ward, und man wußte, wie die öffentliche Meinung in Rom diesen Friedensschluß beurteilte. Es mochte sein, daß Rom an die Eroberung Afrikas jetzt noch nicht dachte und noch Italien ihm genügte; aber wenn die Existenz des karthagischen Staats an dieser Genügsamkeit hing, so sah es übel damit aus, und wer bürgte dafür, daß die Römer nicht eben ihrer italischen Politik es angemessen fanden, den afrikanischen Nachbar zwar nicht sich zu unterwerfen, aber doch zu vertilgen?
Kurz, Karthago durfte den Frieden von 513 (241) nur als einen Waffenstillstand betrachten und mußte ihn benutzen zur Vorbereitung für die unvermeidliche Erneuerung des Krieges; nicht, um die erlittene Niederlage zu rächen, nicht einmal zunächst, um das Verlorene zurückzugewinnen, sondern um sich eine nicht von dem Gutfinden des Landesfeindes abhängige Existenz zu erfechten. Allein wenn einem schwächeren Staat ein gewisser, aber der Zeit nach unbestimmter Vernichtungskrieg bevorsteht, werden die klügeren, entschlosseneren, hingebenderen Männer, die zu dem unvermeidlichen Kampf sich sogleich fertig machen, ihn zur günstigen Stunde aufnehmen und so die politische Defensive durch die strategische Offensive verdecken möchten, überall sich gehemmt sehen durch die träge und feige Masse der Geldesknechte, der Altersschwachen, der Gedankenlosen, welche nur Zeit zu gewinnen, nur in Frieden zu leben und zu sterben, nur den letzten Kampf um jeden Preis hinauszuschieben bedacht sind. So gab es auch in Karthago eine Friedens- und eine Kriegspartei, die beide wie natürlich sich anschlossen an den schon zwischen den Konservativen und den Reformisten bestehenden politischen Gegensatz: jene fand ihre Stütze in den Regierungsbehörden, dem Rat der Alten und der Hundertmänner, an deren Spitze Hanno, der sogenannte Große, stand, diese in den Leitern der Menge, namentlich dem angesehenen Hasdrubal, und in den Offizieren des sizilischen Heeres, dessen große Erfolge unter Hamilkars Führung, wenn sie auch sonst vergeblich gewesen waren, doch den Patrioten einen Weg gezeigt hatten, der Rettung aus der ungeheuren Gefahr zu versprechen schien. Schon lange mochte zwischen diesen Parteien heftige Fehde bestehen, als der libysche Krieg zwischen sie hineinschlug. Wie er entstand, ist schon erzählt worden. Nachdem die Regierungspartei die Meuterei durch die unfähige, alle Vorsichtsmaßregeln der sizilischen Offiziere vereitelnde Verwaltung angezettelt hatte, durch die Nachwirkung ihres unmenschlichen Regierungssystems diese Meuterei in eine Revolution umgeschlagen und endlich durch ihre und namentlich ihres Führers, des Heerverderbers Hanno militärische Unfähigkeit das Land an den Rand des Abgrundes gebracht worden war, ward der Held von der Eirkte, Hamilkar Barkas, in der höchsten Not von der Regierung selbst ersucht, sie von den Folgen ihrer Fehler und Verbrechen zu retten. Er nahm das Kommando an und dachte hochsinnig genug, es selbst dann nicht niederzulegen, als man ihm den Hanno zum Kollegen gab; ja als die erbitterte Armee denselben heimschickte, vermochte er es über sich, ihm auf die flehentliche Bitte der Regierung zum zweitenmal den Mitoberbefehl einzuräumen und trotz der Feinde wie trotz des Kollegen durch seinen Einfluß bei den Aufständischen, seine geschickte Behandlung der numidischen Scheichs, sein unvergleichliches Organisatoren- und Feldherrngenie in unglaublich kurzer Zeit den Aufstand völlig niederzuwerfen und das empörte Afrika zum Gehorsam zurückzubringen (Ende 517 237).
Die Patriotenpartei hatte während dieses Krieges geschwiegen; jetzt sprach sie um so lauter. Einerseits war bei dieser Katastrophe die ganze Verderbtheit und Verderblichkeit der herrschenden Oligarchie an den Tag gekommen, ihre Unfähigkeit, ihre Coteriepolitik, ihre Hinneigung zu den Römern; anderseits zeigte die Wegnahme Sardiniens und die drohende Stellung, welche Rom dabei einnahm, deutlich auch dem geringsten Mann, daß das Damoklesschwert der römischen Kriegserklärung stets über Karthago hing, und daß, wenn Karthago unter den gegenwärtigen Verhältnissen mit Rom zum Kriege kam, dieser notwendig den Untergang der phönikischen Herrschaft in Libyen zur Folge haben müsse. Es mochte in Karthago nicht wenige geben, die, an der Zukunft des Vaterlandes verzweifelnd, die Auswanderung nach den Inseln des Atlantischen Meeres anrieten; wer durfte sie schelten? Aber edlere Gemüter verschmähen es, ohne die Nation sich selber zu bergen, und große Naturen genießen das Vorrecht, aus dem, worüber die Menge der Guten verzweifelt, Begeisterung zu schöpfen. Man nahm die neuen Bedingungen an, wie sie Rom eben diktierte; es blieb nichts übrig, als sich zu fügen und den neuen Haß zu dem alten schlagend ihn sorgfältig zu sammeln und zu sparen, dieses letzte Kapitel einer gemißhandelten Nation. Dann aber schritt man zu einer politischen Reform 1. Von der Unverbesserlichkeit der Regimentspartei hatte man sich hinreichend überzeugt; daß die regierenden Herren auch im letzten Krieg weder ihren Groll vergessen noch größere Weisheit gelernt hatten, zeigte zum Beispiel die ans Naive grenzende Unverschämtheit, daß sie jetzt dem Hamilkar den Prozeß machten als dem Urheber des Söldnerkrieges, insofern er ohne Vollmacht der Regierung seinen sizilischen Soldaten Geldversprechungen gemacht habe. Wenn der Klub der Offiziere und Volksführer die morschen Stühle dieses Mißregiments hätte umstoßen wollen, so würde er in Karthago selbst schwerlich auf große Schwierigkeiten gestoßen sein; allein auf desto größere in Rom, mit dem die regierenden Herren von Karthago schon in Verbindungen standen, die an Landesverrat grenzten. Zu allen übrigen Schwierigkeiten der Lage kam noch die hinzu, daß die Mittel zur Rettung des Vaterlandes geschaffen werden mußten, ohne daß weder die Römer noch die eigene römisch gesinnte Regierung recht darum gewahr wurden.
1 Wir sind über diese Vorgänge nicht bloß unvollkommen berichtet, sondern auch einseitig, da natürlich die Version der karthagischen Friedenspartei die der römischen Annalisten wurde. Indes selbst in unsern zertrümmerten und getrübten Berichten - die wichtigsten sind Fabius bei Polyb. 3, 8; App. Hisp. 4 und Diod. 25 p. 567 - erscheinen die Verhältnisse der Parteien deutlich genug. Von dem gemeinen Klatsch, mit dem die "revolutionäre Verbindung" (εταιρεία τών πονηροτάτων ανθρώπων) von ihren Gegnern beschmutzt ward, kann man bei Nepos (Ham. 3) Proben lesen, die ihresgleichen suchen, vielleicht auch finden.
So ließ man die Verfassung unangetastet und die regierenden Herren im vollen Genuß ihrer Sonderrechte und des gemeinen Gutes. Es ward bloß beantragt und durchgesetzt, von den beiden Oberfeldherren, die am Ende des libyschen Krieges an der Spitze der karthagischen Truppen standen, Hanno und Hamilkar, den ersteren abzurufen und den letzteren zum Oberfeldherrn für ganz Afrika auf unbestimmte Zeit in der Art zu ernennen, daß er eine von den Regierungskollegien unabhängige Stellung - eine verfassungswidrige monarchische Gewalt nannten es die Gegner, Cato eine Diktatur - erhielt und er nur von der Volksversammlung abberufen und zur Verantwortung gezogen werden durfte 2. Selbst die Wahl eines Nachfolgers ging nicht von den Behörden der Hauptstadt aus, sondern vom Heere, das heißt von den im Heere als Gerusiasten oder Offiziere dienenden Karthagern, die auch bei Verträgen neben dem Feldherrn genannt werden; natürlich blieb der Volksversammlung daheim das Bestätigungsrecht. Mag dies Usurpation sein oder nicht, es bezeichnet deutlich, wie die Kriegspartei das Heer als ihre Domäne ansah und behandelte.
2 Die Barkas schließen die wichtigsten Staatsverträge ab und die Ratifikation der Behörde ist eine Formalität (Polyb. 3, 21); Rom protestiert bei ihnen und beim Senat (Polyb. 3, 15). Die Stellung der Barkas zu Karthago hat manche Ähnlichkeit mit der der Oranier gegen die Generalstaaten.
Der Auftrag, den Hamilkar also empfing, klang nicht eben verfänglich. Die Kriege mit den numidischen Stämmen ruhten an der Grenze nie; vor kurzem erst war im Binnenland die "Stadt der hundert Tore" Theveste (Tebessa) von den Karthagern besetzt worden. Die Fortführung dieser Grenzfehden, die dem neuen Oberfeldherrn von Afrika zufiel, war an sich nicht von solcher Bedeutung, daß nicht die karthagische Regierung, die man ja in ihrem nächsten Kreise gewähren ließ, zu den darüber von der Volksversammlung getroffenen Beliebungen hätte stillschweigen können, während die Römer die Tragweite derselben vielleicht nicht einmal erkannten.
So stand an der Spitze des Heeres der eine Mann, der im sizilischen und im libyschen Kriege es bewährt hatte, daß die Geschicke ihn oder keinen zum Retter des Vaterlandes bestimmten. Großartiger als von ihm ist vielleicht niemals der großartige Kampf des Menschen gegen das Schicksal geführt worden. Das Heer sollte den Staat retten; aber was für ein Heer? Die karthagische Bürgerwehr hatte unter Hamilkars Führung im libyschen Kriege sich nicht schlecht geschlagen; allein er wußte wohl, daß es ein anderes ist, die Kaufleute und Fabrikanten einer Stadt, die in der höchsten Gefahr schwebt, einmal zum Kampf hinauszuführen, und ein anderes, Soldaten aus ihnen zu bilden. Die karthagische Patriotenpartei lieferte ihm vortreffliche Offiziere, aber in ihr war natürlich fast ausschließlich die gebildete Klasse vertreten - Bürgermiliz hatte er nicht, höchstens einige libyphönikische Reiterschwadronen. Es galt ein Heer zu schaffen aus den libyschen Zwangsrekruten und aus Söldnern; was einem Feldherrn wie Hamilkar möglich war, allein auch ihm nur, wenn er seinen Leuten pünktlich und reichlich den Sold zu zahlen vermochte. Aber daß die karthagischen Staatseinkünfte in Karthago selbst zu viel nötigeren Dingen gebraucht wurden als für die gegen den Feind fechtenden Heere, hatte er in Sizilien erfahren. Es mußte also dieser Krieg sich selber ernähren und im großen ausgeführt werden, was auf dem Monte Pellegrino im kleinen versucht worden war. Aber noch mehr. Hamilkar war nicht bloß Militär-, er war auch Parteichef; gegen die unversöhnliche und der Gelegenheit, ihn zu stürzen, begierig und geduldig harrende Regierungspartei mußte er auf die Bürgerschaft sich stützen, und mochten deren Führer noch so rein und edel sein, die Masse war tief verdorben und durch das unselige Korruptionssystem gewöhnt, nichts für nichts zu geben. In einzelnen Momenten schlug wohl die Not oder die Begeisterung einmal durch, wie das überall selbst in den feilsten Körperschaften vorkommt; wollte aber Hamilkar für seinen im besten Fall erst nach einer Reihe von Jahren durchführbaren Plan die Unterstützung der karthagischen Gemeinde dauernd sich sichern, so mußte er seinen Freunden in der Heimat durch regelmäßige Geldsendungen die Mittel geben, den Pöbel bei guter Laune zu erhalten. So genötigt, von der lauen und feilen Menge die Erlaubnis, sie zu retten, zu erbetteln oder zu erkaufen; genötigt, dem Übermut der Verhaßten seines Volkes, der stets von ihm Besiegten durch Demut und Schweigsamkeit die unentbehrliche Gnadenfrist abzudingen; genötigt, den verachteten Vaterlandsverrätern, die sich die Herren seiner Stadt nannten, mit seinen Plänen seine Verachtung zu bergen - so stand der hohe Mann mit wenigen gleichgesinnten Freunden zwischen den Feinden von außen und den Feinden von innen, auf die Unentschlossenheit der einen und der andern bauend, zugleich beide täuschend und beiden trotzend, um nur erst die Mittel, Geld und Soldaten zu gewinnen zum Kampf gegen ein Land, das, selbst wenn das Heer schlagfertig dastand, mit diesem zu erreichen schwierig, zu überwinden kaum möglich schien. Er war noch ein junger Mann, wenig hinaus über die Dreißig; aber er schien zu ahnen, als er sich anschickte zu seinem Zuge, daß es ihm nicht vergönnt sein werde, das Ziel seiner Arbeit zu erreichen und das Land der Erfüllung anders als von weitem zu schauen. Seinen neunjährigen Sohn Hannibal hieß er, da er Karthago verließ, am Altar des höchsten Gottes dem römischen Namen ewigen Haß schwören, und zog ihn und die jüngeren Söhne Hasdrubal und Mago, die "Löwenbrut", wie er sie nannte, im Feldlager auf als die Erben seiner Entwürfe, seines Genies und seines Hasses.
Der neue Oberfeldherr von Libyen brach unmittelbar nach der Beendigung des Söldnerkrieges von Karthago auf (etwa im Frühjahr 518 236). Er schien einen Zug gegen die freien Libyer im Westen zu beabsichtigen; sein Heer, das besonders an Elefanten stark war, zog an der Küste hin, neben ihm segelte die Flotte, geführt von seinem treuen Bundesgenossen Hasdrubal. Plötzlich vernahm man, er sei bei den Säulen des Herkules über das Meer gegangen und in Spanien gelandet, wo er Krieg führe mit den Eingeborenen; mit Leuten, die ihm nichts zuleide getan und ohne Auftrag seiner Regierung, klagten die karthagischen Behörden. Sie konnten wenigstens nicht klagen, daß er die afrikanischen Angelegenheiten vernachlässige; als die Numidier wieder einmal aufstanden, trieb sein Unterfeldherr Hasdrubal sie so nachdrücklich zu Paaren, daß auf lange Zeit an der Grenze Ruhe war und mehrere bisher unabhängige Stämme sich bequemten, Tribut zu zahlen. Was er selbst in Spanien getan, können wir im einzelnen nicht mehr verfolgen; dem alten Cato, der ein Menschenalter nach Hamilkars Tode in Spanien die noch frischen Spuren seines Wirkens sah, zwangen sie trotz allem Pönerhaß den Ausruf ab, daß kein König wert sei, neben Hamilkar Barkas genannt zu werden. In den Erfolgen liegt auch uns wenigstens im allgemeinen noch vor, was von Hamilkar als Militär und als Staatsmann in den neun letzten Jahren seines Lebens (518-526 236-228) geleistet worden ist, bis er im besten Mannesalter in offener Feldschlacht tapfer kämpfend den Tod fand, wie Scharnhorst, eben als seine Pläne zu reifen begannen, und was alsdann während der nächsten acht Jahre (527-534 227-220) der Erbe seines Amtes und seiner Pläne, sein Tochtermann Hasdrubal an dem angefangenen Werke im Sinne des Meisters weiter geschaffen hat. Statt der kleinen Entrepôts für den Handel, die nebst dem Schutzrecht über Gades bis dahin Karthago an der spanischen Küste allein besessen und als Dependenz von Libyen behandelt hatte, ward ein karthagisches Reich in Spanien durch Hamilkars Feldherrnkunst begründet und durch Hasdrubals staatsmännische Gewandtheit befestigt. Die schönsten Landschaften Spaniens, die Süd- und Ostküste wurden phönikisches Provinzialgebiet; Städte wurden gegründet, vor allem an dem einzigen guten Hafen der Südküste Spanisch-Karthago (Cartagena) von Hasdrubal angelegt, mit des Gründers prächtiger "Königsburg"; der Ackerbau blühte auf und mehr noch die Grubenwirtschaft in den glücklich aufgefundenen Silberminen von Cartagena, die ein Jahrhundert später über 2½ Mill. Taler (36 Mill. Sesterzen) jährlich eintrugen. Die meisten Gemeinden bis zum Ebro wurden abhängig von Karthago und zahlten ihm Zins; Hasdrubal verstand es, die Häuptlinge auf alle Weise, selbst durch Zwischenheiraten in das karthagische Interesse zu ziehen. So erhielt Karthago hier für seinen Handel und seine Fabriken eine reiche Absatzquelle, und die Einnahmen der Provinz nährten nicht bloß das Heer, sondern es blieb noch übrig, nach Hause zu senden und für die Zukunft zurückzulegen. Aber die Provinz bildete und schulte zugleich die Armee. In dem Karthago unterworfenen Gebiet fanden regelmäßige Aushebungen statt; die Kriegsgefangenen wurden untergesteckt in die karthagischen Korps; von den abhängigen Gemeinden kam Zuzug und kamen Söldner, soviel man begehrte. In dem langen Kriegsleben fand der Soldat im Lager eine zweite Heimat und als Ersatz für den Patriotismus den Fahnensinn und die begeisterte Anhänglichkeit an seine großen Führer; die ewigen Kämpfe mit den tapferen Iberern und Kelten schufen zu der vorzüglichen numidischen Reiterei ein brauchbares Fußvolk.
Von Karthago aus ließ man die Barkas machen. Da der Bürgerschaft regelmäßige Leistungen nicht abverlangt wurden, sondern vielmehr für sie noch etwas abfiel, auch der Handel in Spanien wiederfand, was er in Sizilien und Sardinien verloren, wurde der spanische Krieg und das spanische Heer mit seinen glänzenden Siegen und wichtigen Erfolgen bald so populär, daß es sogar möglich ward, in einzelnen Krisen, zum Beispiel nach Hamilkars Fall, bedeutende Nachsendungen afrikanischer Truppen nach Spanien durchzusetzen, und die Regierungspartei wohl oder übel dazu schweigen oder doch sich begnügen mußte, unter sich und gegen die Freunde in Rom auf die demagogischen Offiziere und den Pöbel zu schelten.
Auch von Rom aus geschah nichts, um den spanischen Angelegenheiten ernstlich eine andere Wendung zu geben. Die erste und vornehmste Ursache der Untätigkeit der Römer war unzweifelhaft eben ihre Unbekanntschaft mit den Verhältnissen der entlegenen Halbinsel, welche sicher auch die Hauptursache gewesen ist, weshalb Hamilkar zur Ausführung seines Planes Spanien und nicht, wie es sonst wohl auch möglich gewesen wäre, Afrika selbst erwählte. Zwar die Erklärungen, mit denen die karthagischen Feldherren den römischen, um Erkundigungen an Ort und Stelle einzuziehen nach Spanien gesandten Kommissarien entgegenkamen, die Versicherungen, daß alles dies nur geschehe, um die römischen Kriegskontributionen prompt zahlen zu können, konnten im Senat unmöglich Glauben finden; allein man erkannte wahrscheinlich von Hamilkars Plänen nur den nächsten Zweck: für die Tribute und den Handel der verlorenen Inseln in Spanien Ersatz zu schaffen, und hielt einen Angriffskrieg der Karthager, und namentlich eine Invasion Italiens von Spanien aus, wie das sowohl ausdrückliche Angaben als die ganze Lage der Sache bezeugen, für schlechterdings unmöglich. Daß unter der Friedenspartei in Karthago manche weiter sahen, versteht sich; allein wie sie dachten, konnten sie schwerlich sehr geneigt sein, über den drohenden Sturm, den zu beschwören die karthagischen Behörden längst außerstande waren, ihre römischen Freunde aufzuklären und damit die Krise nicht abzuwenden, sondern zu beschleunigen; und wenn es dennoch geschah, so mochte man in Rom solche Parteidenunziationen mit Fug sehr vorsichtig aufnehmen. Allmählich allerdings mußte die unbegreiflich rasche und gewaltige Ausbreitung der karthagischen Macht in Spanien die Aufmerksamkeit und die Besorgnisse der Römer erwecken; wie sie ihr denn auch in den letzten Jahren vor dem Ausbruch des Krieges in der Tat Schranken zu setzen versuchten. Um das Jahr 528 (226) schlossen sie, ihres jungen Hellenentums eingedenk, mit den beiden griechischen oder halbgriechischen Städten an der spanischen Ostküste, Zakynthos oder Saguntum (Murviedro unweit Valencia) und Emporiae (Ampurias) Bündnis, und indem sie den karthagischen Feldherrn Hasdrubal davon in Kenntnis setzten, wiesen sie ihn zugleich an, den Ebro nicht erobernd zu überschreiten, was auch zugesagt ward. Es geschah dies keineswegs, um einen Einfall in Italien auf dem Landweg zu hindern - den Feldherrn, der diesen unternahm, konnte ein Vertrag nicht fesseln -, sondern teils um der materiellen Macht der spanischen Karthager, die gefährlich zu werden begann, eine Grenze zu stecken, teils um sich an den freien Gemeinden zwischen dem Ebro und den Pyrenäen, die Rom damit unter seinen Schutz nahm, einen sicheren Anhalt zu bereiten für den Fall, daß eine Landung und ein Krieg in Spanien notwendig werden sollte. Für den bevorstehenden Krieg mit Karthago, über dessen Unvermeidlichkeit der Senat sich nie getäuscht hat, besorgte man von den spanischen Ereignissen schwerlich größere Nachteile, als daß man genötigt werden könne, einige Legionen nach Spanien zu senden, und daß der Feind mit Geld und Soldaten etwas besser versehen sein werde, als er ohne Spanien es gewesen wäre - war man doch fest entschlossen, wie der Feldzugsplan von 536 (218) beweist und wie es auch gar nicht anders sein konnte, den nächsten Krieg in Afrika zu beginnen und zu beendigen, womit dann über Spanien zugleich entschieden war. Dazu kamen in den ersten Jahren die karthagischen Kontributionen, welche die Kriegserklärung abgeschnitten hätte, alsdann der Tod Hamilkars, von dem Freunde und Feinde urteilen mochten, daß seine Entwürfe mit ihm gestorben seien, endlich in den letzten Jahren, wo der Senat allerdings zu begreifen anfing, daß es nicht weise sei, mit der Erneuerung des Krieges noch lange zu zögern, der sehr erklärliche Wunsch, zuvor mit den Galliern im Potal fertig zu werden, da diese, mit der Ausrottung bedroht, voraussichtlich jeden ernstlichen Krieg, den Rom unternahm, benutzt haben würden, um die transalpinischen Völkerschaften aufs neue nach Italien zu locken und die immer noch äußerst gefährlichen Keltenzüge zu erneuern. Daß weder Rücksichten auf die karthagische Friedenspartei noch auf die bestehenden Verträge die Römer abhielten, versteht sich; überdies boten, wenn man den Krieg wollte, die spanischen Fehden jeden Augenblick einen Vorwand dazu dar. Unbegreiflich ist das Verhalten Roms demnach keineswegs; aber ebensowenig läßt sich leugnen, daß der römische Senat diese Verhältnisse kurzsichtig und schlaff behandelt hat - Fehler, wie sie seine Führung der gallischen Angelegenheiten in der gleichen Zeit noch viel unverzeihlicher aufweist. Überall ist die römische Staatskunst mehr ausgezeichnet durch Zähigkeit, Schlauheit und Konsequenz, als durch eine großartige Auffassung und rasche Ordnung der Dinge, worin ihr vielmehr die Feinde Roms von Pyrrhos bis auf Mithradates oft überlegen gewesen sind.
So gab dem genialen Entwurf Hamilkars das Glück die Weihe. Die Mittel zum Kriege waren gewonnen, ein starkes kampf- und sieggewohntes Heer und eine stetig sich füllende Kasse; aber wie für den Kampf der rechte Augenblick, die rechte Richtung gefunden werden sollte, fehlte der Führer. Der Mann, dessen Kopf und Herz in verzweifelter Lage unter einem verzweifelnden Volke den Weg zur Rettung gebahnt hatte, war nicht mehr, als es möglich ward, ihn zu betreten. Ob sein Nachfolger Hasdrubal den Angriff unterließ, weil ihm der Zeitpunkt noch nicht gekommen schien, oder ob er, mehr Staatsmann als Feldherr, sich der Oberleitung des Unternehmens nicht gewachsen glaubte, vermögen wir nicht zu entscheiden. Als er im Anfang des Jahres 534 (220) von Mörderhand gefallen war, beriefen die karthagischen Offiziere des spanischen Heeres an seine Stelle Hamilkars ältesten Sohn, den Hannibal. Er war noch ein junger Mann - geboren 505 (249), also damals im neunundzwanzigsten Lebensjahr; aber er hatte schon viel gelebt. Seine ersten Erinnerungen zeigten ihm den Vater im entlegenen Lande fechtend und siegend auf der Eirkte; er hatte den Frieden des Catulus, die bittere Heimkehr des unbesiegten Vaters, die Greuel des libyschen Krieges mit durchempfunden. Noch ein Knabe, war er dem Vater ins Lager gefolgt; bald zeichnete er sich aus. Sein leichter und festgebauter Körper machte aus ihm einen vortrefflichen Läufer und Fechter und einen verwegenen Galoppreiter; sich den Schlaf zu versagen, griff ihn nicht an und Speise wußte er nach Soldatenart zu genießen und zu entbehren. Trotz seiner im Lager verflossenen Jugend besaß er die Bildung der vornehmen Phöniker jener Zeit; im Griechischen brachte er, wie es scheint, erst als Feldherr, unter der Leitung seines Vertrauten Sosilos von Sparta, es weit genug, um Staatsschriften in dieser Sprache selber abfassen zu können. Wie er heranwuchs, trat er in das Heer seines Vaters ein, um unter dessen Augen seinen ersten Waffendienst zu tun, um ihn in der Schlacht neben sich fallen zu sehen. Nachher hatte er unter seiner Schwester Gemahl Hasdrubal die Reiterei befehligt und durch glänzende persönliche Tapferkeit wie durch sein Führertalent sich ausgezeichnet. Jetzt rief ihn, den erprobten jugendlichen General, die Stimme seiner Kameraden an ihre Spitze und er konnte nun ausführen, wofür sein Vater und sein Schwager gelebt und gestorben. Er trat die Erbschaft an, und er durfte es. Seine Zeitgenossen haben auf seinen Charakter Makel mancherlei Art zu werfen versucht: den Römern hieß er grausam, den Karthagern habsüchtig; freilich haßte er, wie nur orientalische Naturen zu hassen verstehen, und ein Feldherr, dem niemals Geld und Vorräte ausgegangen sind, mußte wohl suchen zu haben. Indes, wenn auch Zorn, Neid und Gemeinheit seine Geschichte geschrieben haben, sie haben das reine und große Bild nicht zu trüben vermocht. Von schlechten Erfindungen, die sich selber richten, und von dem abgesehen, was durch Schuld seiner Unterfeldherren, namentlich des Hannibal Monomachos und Mago des Samniten, in seinem Namen geschehen ist, liegt in den Berichten über ihn nichts vor, was nicht unter den damaligen Verhältnissen und nach dem damaligen Völkerrecht zu verantworten wäre; und darin stimmen sie alle zusammen, daß er wie kaum ein anderer Besonnenheit und Begeisterung, Vorsicht und Tatkraft miteinander zu vereinigen verstanden hat. Eigentümlich ist ihm die erfinderische Verschmitztheit, die einen der Grundzüge des phönikischen Charakters bildet; er ging gern eigentümliche und ungeahnte Wege, Hinterhalte und Kriegslisten aller Art waren ihm geläufig, und den Charakter der Gegner studierte er mit beispielloser Sorgfalt. Durch eine Spionage ohnegleichen - er hatte stehende Kundschafter sogar in Rom - hielt er von den Vornahmen des Feindes sich unterrichtet; ihn selbst sah man häufig in Verkleidungen und mit falschem Haar, dies oder jenes auskundschaftend. Von seinem strategischen Genie zeugt jedes Blatt der Geschichte dieser Zeit und nicht minder von seiner staatsmännischen Begabung, die er noch nach dem Frieden mit Rom durch seine Reform der karthagischen Verfassung und durch den beispiellosen Einfluß bekundete, den er als Iandflüchtiger Fremdling in den Kabinetten der östlichen Mächte ausübte. Welche Macht über die Menschen er besaß, beweist seine unvergleichliche Gewalt über ein buntgemischtes und vielsprachiges Heer, das in den schlimmsten Zeiten niemals gegen ihn gemeutert hat. Er war ein großer Mann; wohin er kam, ruhten auf ihm die Blicke aller.
Hannibal beschloß sofort nach seiner Ernennung (Frühling 534 220) den Beginn des Krieges. Er hatte gute Gründe, jetzt, da das Keltenland noch in Gärung war und ein Krieg zwischen Rom und Makedonien vor der Tür schien, ungesäumt loszuschlagen und den Krieg dahin zu tragen, wohin es ihm beliebte, bevor die Römer ihn begannen, wie es ihnen bequem war, mit einer Landung in Afrika. Sein Heer war bald marschfertig, die Kasse durch einige Razzias in großem Maßstab gefüllt; allein die karthagische Regierung zeigte nichts weniger als Lust, die Kriegserklärung nach Rom abgehen zu lassen. Hasdrubals, des patriotischer Volksführers Platz war in Karthago schwerer zu ersetzen als der Platz des Feldherrn Hasdrubal in Spanien; die Partei des Friedens hatte jetzt daheim die Oberhand und verfolgte die Führer der Kriegspartei mit politischen Prozessen. Sie, die schon Hamilkars Pläne beschnitten und bemängelt hatte, war keineswegs gemeint, den unbekannten jungen Mann, der jetzt in Spanien befehligte, auf Staatskosten jugendlichen Patriotismus treiben zu lassen; und Hannibal scheute doch davor zurück, den Krieg in offener Widersetzlichkeit gegen die legitimen Behörden selber zu erklären; er versuchte die Saguntiner zum Friedensbruch zu reizen; allein sie begnügten sich, in Rom Klage zu führen. Er versuchte, als darauf von Rom eine Kommission erschien, nun diese durch schnöde Behandlung zur Kriegserklärung zu treiben; allein die Kommissarien sahen, wie die Dinge standen; sie schwiegen in Spanien, um in Karthago Beschwerde zu führen und daheim zu berichten, daß Hannibal schlagfertig stehe und der Krieg vor der Tür sei. So verfloß die Zeit; schon traf die Nachricht ein von dem Tode des Antigonos Doson, der etwa gleichzeitig mit Hasdrubal plötzlich gestorben war; im italischen Kettenland ward die Gründung der Festungen mit verdoppelter Schnelligkeit und Energie von den Römern betrieben; der Schilderhebung in Illyrien schickte man in Rom sich an, im nächsten Frühjahr ein rasches Ende zu bereiten. Jeder Tag war kostbar; Hannibal entschloß sich. Er meldete kurz und gut nach Karthago, daß die Saguntiner karthagischen Untertanen, den Torboleten, zu nahe träten und er sie darum angreifen müsse; und ohne die Antwort abzuwarten, begann er im Frühjahr 535 (219) die Belagerung der mit Rom verbündeten Stadt, das heißt den Krieg gegen Rom. Was man in Karthago dachte und beriet, mag man sich etwa vorstellen nach dem Eindruck, den Yorks Kapitulation in gewissen Kreisen machte. Alle "angesehenen Männer", heißt es, mißbilligten den "ohne Auftrag" geschehenen Angriff; es war die Rede von Desavouierung, von Auslieferung des dreisten Offiziers. Aber sei es, daß im karthagischen Rat die nähere Furcht vor dem Heer und der Menge die vor Rom überwog; sei es, daß man die Unmöglichkeit begriff, einen solchen Schritt, einmal getan, zurückzutun; sei es, daß die bloße Macht der Trägheit ein bestimmtes Auftreten hinderte - man entschloß sich endlich, sich zu nichts zu entschließen und den Krieg, wenn nicht zu führen, doch führen zu lassen. Sagunt verteidigte sich, wie nur spanische Städte sich zu verteidigen verstehen; hätten die Römer nur einen geringen Teil der Energie ihrer Schutzbefohlenen entwickelt und nicht während der achtmonatlichen Belagerung Sagunts mit dem elenden illyrischen Räuberkrieg die Zeit verdorben, so hätten sie, Herren der See und geeigneter Landungsplätze, sich die Schande des zugesagten und nicht gewährten Schutzes ersparen und dem Krieg vielleicht eine andere Wendung geben können. Indes sie säumten, und die Stadt ward endlich erstürmt. Wie Hannibal die Beute nach Karthago zur Verteilung sandte, ward der Patriotismus und die Kriegslust bei vielen rege, die davon bisher nichts gespürt hatten, und die Austeilung schnitt jede Versöhnung mit Rom ab. Als daher nach der Zerstörung Sagunts eine römische Gesandtschaft in Karthago erschien und die Auslieferung des Feldherrn und der im Lager anwesenden Gerusiasten forderte, und als der römische Sprecher, die versuchte Rechtfertigung unterbrechend, die Diskussion abschnitt und, sein Gewand zusammenfassend, sprach, daß er darin Frieden und Krieg halte und daß die Gerusia wählen möge, da ermannten sich die Gerusiasten zu der Antwort, daß man es ankommen lasse auf die Wahl des Römers; und als dieser den Krieg bot, nahm man ihn an (Frühling 536 218). Hannibal, der durch den hartnäckigen Widerstand der Saguntiner ein volles Jahr verloren hatte, war für den Winter 535/36 (219/18) wie gewöhnlich zurückgegangen nach Cartagena, um alles teils zum Angriff vorzubereiten, teils zur Verteidigung von Spanien und Afrika; denn da er wie sein Vater und sein Schwager den Oberbefehl in beiden Gebieten führte, lag es ihm ob, auch zum Schutz der Heimat die Anstalten zu treffen. Die gesamte Masse seiner Streitkräfte betrug ungefähr 120000 Mann zu Fuß, 16000 zu Pferd; ferner 58 Elefanten und 32 bemannte, achtzehn unbemannte Fünfdecker außer den in der Hauptstadt befindlichen Elefanten und Schiffen. Mit Ausnahme weniger Ligurer unter den leichten Truppen gab es in diesem karthagischen Heere Söldner gar nicht; die Truppen bestanden außer einigen phönikischen Schwadronen im wesentlichen aus den zum Dienst ausgehobenen karthagischen Untertanen, Libyern und Spaniern. Der Treue der letzteren sich zu versichern gab der menschenkundige Feldherr ihnen ein Zeichen des Vertrauens, allgemeinen Urlaub während des ganzen Winters; den Libyern versprach der Feldherr, der den engherzigen phönikischen Sonderpatriotismus nicht teilte, eidlich das karthagische Bürgerrecht, wenn sie als Sieger nach Afrika zurückkehren würden. Indes war diese Truppenmasse nur zum Teil für die italische Expedition bestimmt. Etwa 20000 Mann kamen nach Afrika, der kleinere Teil nach der Hauptstadt und dem eigentlich phönikischen Gebiet, der größere an die westliche Spitze von Afrika. Zur Deckung von Spanien blieben 12000 Mann zu Fuß zurück nebst 2500 Pferden und fast der Hälfte der Elefanten, außerdem die dort stationierte Flotte; den Oberbefehl und das Regiment übernahm hier Hannibals jüngerer Bruder Hasdrubal. Das unmittelbar karthagische Gebiet ward verhältnismäßig schwach besetzt, da die Hauptstadt im Notfall Hilfsmittel genug bot; ebenso genügte in Spanien, wo neue Aushebungen sich mit Leichtigkeit veranstalten ließen, für jetzt eine mäßige Zahl von Fußsoldaten, während dagegen ein verhältnismäßig starker Teil der eigentlich afrikanischen Waffen, der Pferde und Elefanten dort zurückblieb. Die Hauptsorgfalt wurde darauf gewendet, die Verbindungen zwischen Spanien und Afrika zu sichern, weshalb in Spanien die Flotte blieb und Westafrika von einer sehr starken Truppenmasse gehütet ward. Für die Treue der Truppen bürgte, außer den in dem festen Sagunt versammelten Geiseln der spanischen Gemeinden, die Verlegung der Soldaten außerhalb ihrer Aushebungsbezirke, indem die ostafrikanische Landwehr vorwiegend nach Spanien, die spanische nach Westafrika, die westafrikanische nach Karthago kamen. So war für die Verteidigung hinreichend gesorgt. Was den Angriff anlangt, so sollte von Karthago aus ein Geschwader von 20 Fünfdeckern mit 1000 Soldaten an Bord nach der italischen Westküste segeln und diese verheeren, ein zweites von 25 Segeln womöglich sich wieder in Lilybäon festsetzen; dieses bescheidene Maß von Anstrengungen glaubte Hannibal seiner Regierung zumuten zu können. Mit der Hauptarmee beschloß er selbst in Italien einzurücken, wie das ohne Zweifel schon in Hamilkars ursprünglichem Plan lag. Ein entscheidender Angriff auf Rom war nur in Italien möglich wie auf Karthago nur in Libyen; so gewiß Rom seinen nächsten Feldzug mit dem letzteren begann, so gewiß durfte auch Karthago sich nicht von vornherein entweder auf ein sekundäres Operationsobjekt, wie zum Beispiel Sizilien, oder gar auf die Verteidigung beschränken - die Niederlagen brachten in all diesen Fällen das gleiche Verderben, nicht aber der Sieg die gleiche Frucht.
Aber wie konnte Italien angegriffen werden? Es mochte gelingen, die Halbinsel zu Wasser oder zu Lande zu erreichen; aber sollte der Zug nicht ein verzweifeltes Abenteuer sein, sondern eine militärische Expedition mit strategischem Ziel, so bedurfte man dort einer näheren Operationsbasis, als Spanien oder Afrika waren. Auf eine Flotte und eine Hafenfestung konnte Hannibal sich nicht stützen, da jetzt Rom das Meer beherrschte. Aber ebensowenig bot sich in dem Gebiet der italischen Eidgenossenschaft irgendein haltbarer Stützpunkt. Hatte sie zu ganz anderen Zeiten und trotz der hellenischen Sympathien dem Stoß des Pyrrhos gestanden, so war nicht zu erwarten, daß sie jetzt auf das Erscheinen des phönikischen Feldherrn hin zusammenbrechen werde; zwischen dem römischen Festungsnetz und der festgeschlossenen Bundesgenossenschaft ward das Invasionsheer ohne Zweifel erdrückt. Einzig das Ligurer- und Keltenland konnte für Hannibal sein, was für Napoleon in seinen sehr ähnlichen russischen Feldzügen Polen gewesen ist; diese, noch von dem kaum beendigten Unabhängigkeitskampf gärenden Völkerschaften, den Italikern stammfremd und in ihrer Existenz bedroht, um die eben jetzt sich die ersten Ringe der römischen Festungs- und Chausseenkette legten, mußten in dem phönikischen Heere, das zahlreiche spanische Kelten in seinen Reihen zählte, ihre Retter erkennen und ihm als erster Rückhalt, als Verpflegungs- und Rekrutierungsbezirk dienen. Schon waren förmliche Verträge mit den Boiern und Insubrern abgeschlossen, wodurch sie sich anheischig machten, dem karthagischen Heer Wegweiser entgegenzusenden, ihnen gute Aufnahme bei ihren Stammgenossen und Zufuhr unterwegs auszuwirken und gegen die Römer sich zu erheben, sowie das karthagische Heer auf italischem Boden stehe. Eben in diese Gegend führten endlich die Beziehungen zum Osten. Makedonien, das durch den Sieg von Sellasia seine Herrschaft im Peloponnes neu befestigt hatte, stand mit Rom in gespannten Verhältnissen; Demetrios von Pharos, der das römische Bündnis mit dem makedonischen vertauscht hatte und von den Römern vertrieben worden war, lebte als Flüchtling am makedonischen Hof, und dieser hatte den Römern die begehrte Auslieferung verweigert. Wenn es möglich war, die Heere vom Guadalquivir und vom Karasu irgendwo zu vereinigen gegen den gemeinschaftlichen Feind, so konnte das nur am Po geschehen. So wies alles nach Norditalien; und daß schon des Vaters Blick dahin gerichtet gewesen, zeigt die karthagische Streifpartei, der die Römer zu ihrer großen Verwunderung im Jahre 524 (230) in Ligurien begegnet waren.
Weniger deutlich ist, warum Hannibal dem Land- vor dem Seeweg den Vorzug gab; denn daß weder die Seeherrschaft der Römer noch ihr Bund mit Massalia eine Landung in Genua unmöglich machte, leuchtet ein und hat die Folge bewiesen. In unserer Überlieferung fehlen, um diese Frage genügend zu entscheiden, nicht wenige Faktoren, auf die es ankommen würde und die sich nicht durch Vermutung ergänzen lassen. Hannibal hatte unter zwei Übeln zu wählen. Statt den ihm unbekannten und weniger zu berechnenden Wechselfällen der Seefahrt und des Seekrieges sich auszusetzen, muß es ihm geratener erschienen sein, lieber die unzweifelhaft ernstlich gemeinten Zusicherungen der Boier und Insubrer anzunehmen, um so mehr, als auch das bei Genua gelandete Heer noch die Berge hätte überschreiten müssen; schwerlich konnte er genau wissen, wie viel geringere Schwierigkeiten der Apennin bei Genua darbietet als die Hauptkette der Alpen. War doch der Weg, den er einschlug, die uralte Keltenstraße, auf der viel größere Schwärme die Alpen überstiegen hatten; der Verbündete und Erretter des Keltenvolkes durfte ohne Verwegenheit diesen betreten.
So vereinigte Hannibal die für die große Armee bestimmten Truppen mit dem Anfang der guten Jahreszeit in Cartagena; es waren ihrer 90000 Mann zu Fuß und 12000 Reiter, darunter etwa zwei Drittel Afrikaner und ein Drittel Spanier - die mitgeführten 37 Elefanten mochten mehr bestimmt sein, den Galliern zu imponieren, als zum ernstlichen Krieg. Hannibals Fußvolk war nicht mehr wie das, welches Xanthippos führte, genötigt, sich hinter einen Vorhang von Elefanten zu verbergen, und der Feldherr einsichtig genug, um dieser zweischneidigen Waffe, die ebenso oft die Niederlage des eigenen wie die des feindlichen Heeres herbeigeführt hatte, sich nur sparsam und vorsichtig zu bedienen. Mit diesem Heere brach Hannibal im Frühling 536 (218) von Cartagena auf gegen den Ebro. Von den getroffenen Maßregeln, namentlich den mit den Kelten angeknüpften Verbindungen, von den Mitteln und dem Ziel des Zuges ließ er die Soldaten soviel erfahren, daß auch der Gemeine, dessen militärischen Instinkt der lange Krieg entwickelt hätte, den klaren Blick und die sichere Hand des Führers ahnte und mit festem Vertrauen ihm in die unbekannte Weite folgte; und die feurige Rede, in der er die Lage des Vaterlandes und die Forderungen der Römer vor ihnen darlegte, die gewisse Knechtung der teuren Heimat, das schmachvolle Ansinnen der Auslieferung des geliebten Feldherrn und seines Stabes, entflammte den Soldaten- und den Bürgersinn in den Herzen aller.
Der römische Staat war in einer Verfassung, wie sie auch in festgegründeten und einsichtigen Aristokratien wohl eintritt. Was man wollte, wußte man wohl; es geschah auch manches, aber nichts recht noch zur rechten Zeit. Längst hätte man Herr der Alpentore und mit den Kelten fertig sein können; noch waren diese furchtbar und jene offen. Man hätte mit Karthago entweder Freundschaft haben können, wenn man den Frieden von 513 (241) ehrlich einhielt, oder, wenn man das nicht wollte, konnte Karthago längst unterworfen sein; jener Friede ward durch die Wegnahme Sardiniens tatsächlich gebrochen und Karthagos Macht ließ man zwanzig Jahre hindurch sich ungestört regenerieren. Mit Makedonien Frieden zu halten war nicht schwer; um geringen Gewinn hatte man diese Freundschaft verscherzt. An einem leitenden, die Verhältnisse im Zusammenhang beherrschenden Staatsmann muß es gefehlt haben; überall war entweder zu wenig geschehen oder zu viel. Nun begann der Krieg, zu dem man Zeit und Ort den Feind hatte bestimmen lassen; und im wohlbegründeten Vollgefühl militärischer Überlegenheit war man ratlos über Ziel und Gang der nächsten Operationen. Man disponierte über eine halbe Million brauchbarer Soldaten - nur die römische Reiterei war minder gut und verhältnismäßig minder zahlreich als die karthagische, jene etwa ein Zehntel, diese ein Achtel der Gesamtzahl der ausrückenden Truppen. Der römischen Flotte von 220 Fünfdeckern, die eben aus dem Adriatischen Meere in die Westsee zurückfuhr, hatte keiner der von diesem Kriege berührten Staaten eine entsprechende entgegenzustellen. Die natürliche und richtige Verwendung dieser erdrückenden Übermacht ergab sich von selbst. Seit langem stand es fest, daß der Krieg eröffnet werden sollte mit einer Landung in Afrika; die spätere Wendung der Ereignisse hatte die Römer gezwungen, eine gleichzeitige Landung in Spanien in den Kriegsplan aufzunehmen, vornehmlich, um nicht die spanische Armee vor den Mauern von Karthago zu finden. Nach diesem Plan wußte man, als der Krieg durch Hannibals Angriff auf Sagunt zu Anfang 535 (219) tatsächlich eröffnet war, vor allen Dingen ein römisches Heer nach Spanien werfen, ehe die Stadt fiel; allein man versäumte das Gebot des Vorteils nicht minder wie der Ehre. Acht Monate lang hielt Sagunt sich umsonst - als die Stadt überging, hatte Rom zur Landung in Spanien nicht einmal gerüstet. Indes noch war das Land zwischen dem Ebro und den Pyrenäen frei, dessen Völkerschaften nicht bloß die natürlichen Verbündeten der Römer waren, sondern auch von römischen Emissären gleich den Saguntinern Versprechungen schleunigen Beistandes empfangen hatten. Nach Katalonien gelangt man zu Schiff von Italien nicht viel weniger rasch wie von Cartagena zu Lande; wenn nach der inzwischen erfolgten förmlichen Kriegserklärung die Römer wie die Phöniker im April aufbrachen, konnte Hannibal den römischen Legionen an der Ebrolinie begegnen.
Allerdings wurde denn auch der größere Teil des Heeres und der Flotte für den Zug nach Afrika verfügbar gemacht und der zweite Konsul Publius Cornelius Scipio an den Ebro beordert; allein er nahm sich Zeit, und als am Po ein Aufstand ausbrach, ließ er das zur Einschiffung bereitstehende Heer dort verwenden und bildete für die spanische Expedition neue Legionen. So fand Hannibal am Ebro zwar den heftigsten Widerstand, aber nur von den Eingeborenen; mit diesen ward er, dem unter den obwaltenden Umständen die Zeit noch kostbarer war als das Blut seiner Leute, mit Verlust des vierten Teiles seiner Armee in einigen Monaten fertig und erreichte die Linie der Pyrenäen. Daß durch jene Zögerung die spanischen Bundesgenossen Roms zum zweitenmal aufgeopfert wurden, konnte man ebenso sicher vorhersehen, als die Zögerung selbst sich leicht vermeiden ließ; wahrscheinlich aber wäre selbst der Zug nach Italien, den man in Rom noch im Frühling 536 (218) nicht geahnt haben muß, durch zeitiges Erscheinen der Römer in Spanien abgewendet worden. Hannibal hatte keineswegs die Absicht, sein spanisches "Königreich" aufgebend, sich wie ein Verzweifelter nach Italien zu werfen; die Zeit, die er an Sagunts Erstürmung und an die Unterwerfung Kataloniens gewandt hatte, das beträchtliche Korps, das er zur Besetzung des neugewonnenen Gebiets zwischen dem Ebro und den Pyrenäen zurückließ, beweisen zur Genüge, daß, wenn ein römisches Heer ihm den Besitz Spaniens streitig gemacht hätte, er sich nicht begnügt haben würde, sich demselben zu entziehen; und was die Hauptsache war, wenn die Römer seinen Abmarsch aus Spanien auch nur um einige Wochen zu verzögern imstande waren, so schloß der Winter die Alpenpässe, ehe Hannibal sie erreichte, und die afrikanische Expedition ging ungehindert nach ihrem Ziele ab.
An den Pyrenäen angelangt, entließ Hannibal einen Teil seiner Truppen in die Heimat; eine von Anfang an beschlossene Maßregel, die den Feldherrn den Soldaten gegenüber des Erfolges sicher zeigen und dem Gefühl steuern sollte, daß sein Unternehmen eines von denen sei, von welchen man nicht heimkehrt. Mit einem Heer von 50000 Mann zu Fuß und 9000 zu Pferd, lauter alten Soldaten, ward das Gebirg ohne Schwierigkeit überschritten und alsdann der Küstenweg über Narbonne und Nîmes eingeschlagen durch das keltische Gebiet, das teils die früher angeknüpften Verbindungen, teils das karthagische Gold, teils die Waffen dem Heere öffneten. Erst als dieses Ende Juli Avignon gegenüber an die Rhone gelangte, schien seiner hier ein ernstlicher Widerstand zu warten. Der Konsul Scipio, der auf seiner Fahrt nach Spanien in Massalia angelegt hatte (etwa Ende Juni), war dort berichtet worden, daß er zu spät komme und Hannibal schon nicht bloß den Ebro, sondern auch die Pyrenäen passiert habe. Auf diese Nachrichten, welche zuerst die Römer über die Richtung und das Ziel Hannibals aufgeklärt zu haben scheinen, hatte der Konsul seine spanische Expedition vorläufig aufgegeben und sich entschlossen, in Verbindung mit den keltischen Völkerschaften dieser Gegend, welche unter dem Einfluß der Massalioten und dadurch unter dem römischen standen, die Phöniker an der Rhone zu empfangen und ihnen den Übergang über den Fluß und den Einmarsch in Italien zu verwehren. Zum Glück für Hannibal stand gegenüber dem Punkte, wo er überzugehen gedachte, für jetzt nur der keltische Landsturm, während der Konsul selbst mit seinem Heer von 22000 Mann zu Fuß und 2000 Reitern noch in Massalia selbst vier Tagemärsche stromabwärts davon sich befand. Die Boten des gallischen Landsturms eilten, ihn zu benachrichtigen. Hannibal sollte das Heer mit der starken Reiterei und den Elefanten unter den Augen des Feindes und bevor Scipio eintraf über den reißenden Strom führen; und er besaß nicht einen Nachen. Sogleich wurden auf seinen Befehl von den zahlreichen Rhoneschiffern in der Umgegend alle ihre Barken zu jedem Preise aufgekauft und was an Kähnen noch fehlte, aus gefällten Bäumen gezimmert; und in der Tat konnte die ganze zahlreiche Armee an einem Tage übergesetzt werden. Während dies geschah, marschierte eine starke Abteilung unter Hanno, Bomilkars Sohn, in Gewaltmärschen stromaufwärts bis zu einem zwei kleine Tagemärsche oberhalb Avignon gelegenen Übergangspunkt, den sie unverteidigt fanden. Hier überschritten sie auf schleunig zusammengeschlagenen Flößen den Fluß, um dann stromabwärts sich wendend die Gallier in den Rücken zu fassen, die dem Hauptheer den Übergang verwehrten. Schon am Morgen des fünften Tages nach der Ankunft an der Rhone, des dritten nach Hannos Abmarsch, stiegen die Rauchsignale der entsandten Abteilung am gegenüberliegenden Ufer auf, für Hannibal das sehnlich erwartete Zeichen zum Übergang: Eben als die Gallier, sehend, daß die feindliche Kahnflotte in Bewegung kam, das Ufer zu besetzen eilten, loderte plötzlich ihr Lager hinter ihnen in Flammen auf; überrascht und geteilt, vermochten sie weder dem Angriff zu stehen noch dem Übergang zu wehren und zerstreuten sich in eiliger Flucht.
Scipio hielt währenddessen in Massalia Kriegsratsitzungen über die geeignete Besetzung der Rhôneübergänge und ließ sich nicht einmal durch die dringenden Botschaften der Keltenführer zum Aufbruch bestimmen. Er traute ihren Nachrichten nicht und begnügte sich, eine schwache römische Reiterabteilung zur Rekognoszierung auf dem linken Rhoneufer zu entsenden. Diese traf bereits die gesamte feindliche Armee auf dies Ufer übergegangen und beschäftigt, die allein noch am rechten Ufer zurückgebliebenen Elefanten nachzuholen; nachdem sie in der Gegend von Avignon, um nur die Rekognoszierung beendigen zu können, einigen karthagischen Schwadronen ein hitziges Gefecht geliefert hatte - das erste, in dem die Römer und Phöniker in diesem Krieg aufeinandertrafen -, machte sie sich eiligst auf den Rückweg, um im Hauptquartier Bericht zu erstatten. Scipio brach nun Hals über Kopf mit all seinen Truppen gegen Avignon auf; allein als er dort eintraf, war selbst die zur Deckung des Übergangs der Elefanten zurückgelassene karthagische Reiterei bereits seit drei Tagen abmarschiert, und es blieb dem Konsul nichts übrig, als mit ermüdeten Truppen und geringem Ruhm nach Massalia heimzukehren und auf die "feige Flucht" des Puniers zu schmälen. So hatte man erstens zum drittenmal durch reine Lässigkeit die Bundesgenossen und eine wichtige Verteidigungslinie preisgegeben, zweitens, indem man nach diesem ersten Fehler vom verkehrten Rasten zu verkehrtem Hasten überging und ohne irgendeine Aussicht auf Erfolg nun doch noch tat, was mit so sicherer einige Tage zuvor geschehen konnte, eben dadurch das wirkliche Mittel, den Fehler wiedergutzumachen, aus den Händen gegeben. Seit Hannibal diesseits der Rhone im Keltenland stand, war es nicht mehr zu hindern, daß er an die Alpen gelangte; allein wenn sich Scipio auf die erste Kunde hin mit seinem ganzen Heer nach Italien wandte - in sieben Tagen war über Genua der Po zu erreichen - und mit seinem Korps die schwachen Abteilungen im Potal vereinigte, so konnte er wenigstens dort dem Feind einen gefährlichen Empfang bereiten. Allein nicht bloß verlor er die kostbare Zeit mit dem Marsch nach Avignon, sondern es fehlte sogar dem sonst tüchtigen Manne, sei es der politische Mut, sei es die militärische Einsicht, die Bestimmung seines Korps den Umständen gemäß zu verändern; er sandte das Gros desselben unter seinem Bruder Gnaeus nach Spanien und ging selbst mit weniger Mannschaft zurück nach Pisae.
Hannibal, der nach dem Übergang über die Rhone in einer großen Heeresversammlung den Truppen das Ziel seines Zuges auseinandergesetzt und den aus dem Potal angelangten Keltenhäuptling Magilus selbst durch den Dolmetsch hatte zu dem Heere sprechen lassen, setzte inzwischen ungehindert seinen Marsch nach den Alpenpässen fort. Welchen derselben er wählte, darüber konnte weder die Kürze des Weges noch die Gesinnung der Einwohner zunächst entscheiden, wenngleich er weder mit Umwegen noch mit Gefechten Zeit zu verlieren hatte. Den Weg mußte er einschlagen, der für seine Bagage, seine starke Reiterei und die Elefanten praktikabel war und in dem ein Heer hinreichende Subsistenzmittel, sei es im guten oder mit Gewalt, sich verschaffen konnte - denn obwohl Hannibal Anstalten getroffen hatte, Lebensmittel auf Saumtieren sich nachzuführen, so konnten bei einem Heere, das immer noch trotz starker Verluste gegen 50000 Mann zählte, diese doch notwendig nur für einige Tage ausreichen. Abgesehen von dem Küstenweg, den Hannibal nicht einschlug, nicht weil die Römer ihn sperrten, sondern weil er ihn von seinem Ziel abgeführt haben würde, führten in alter Zeit 3 von Gallien nach Italien nur zwei namhafte Alpenübergänge: der Paß über die Kottische Alpe (Mont Genèvre) in das Gebiet der Tauriner (über Susa oder Fenestrelles nach Turin) und der über die Graische (Kleiner St. Bernhard) in das der Salasser (nach Aosta und Ivrea). Der erstere Weg ist der kürzere; allein von da an, wo er das Rhonetal verläßt, führt er in den unwegsamen und unfruchtbaren Flußtälern des Drak, der Romanche und der oberen Durance durch ein schwieriges und armes Bergland und erfordert einen mindestens sieben- bis achttägigen Gebirgsmarsch; eine Heerstraße hat erst Pompeius hier angelegt, um zwischen der dies- und der jenseitigen gallischen Provinz eine kürzere Verbindung herzustellen.
3 Der Weg über den Mont Cenis ist erst im Mittelalter eine Heerstraße geworden. Die östlichen Pässe, wie zum Beispiel der über die Poeninische Alpe oder den Großen St. Bernhard, der übrigens auch erst durch Caesar und Augustus Militärstraße ward, kommen natürlich hier nicht in Betracht.
Der Weg über den Kleinen St. Bernhard ist etwas länger; allein nachdem er die erste, das Rhonetal östlich begrenzende Alpenwand überstiegen hat, hält er sich in dem Tale der oberen Isère, das von Grenoble über Chambéry bis hart an den Fuß des Kleinen St. Bernhard, das heißt der Hochalpenkette sich hinzieht und unter allen Alpentälern das breiteste, fruchtbarste und bevölkertste ist. Es ist ferner der Weg über den Kleinen St. Bernhard unter allen natürlichen Alpenpassagen zwar nicht die niedrigste, aber bei weitem die bequemste; obwohl dort keine Kunststraße angelegt ist, überschritt auf ihr noch im Jahre 1815 ein österreichisches Korps mit Artillerie die Alpen. Dieser Weg, der bloß über zwei Bergkämme führt, ist endlich von den ältesten Zeiten an die große Heerstraße aus dem keltischen in das italische Land gewesen. Die karthagische Armee hatte also in der Tat keine Wahl; es war ein glückliches Zusammentreffen, aber kein bestimmendes Motiv für Hannibal, daß die ihm verbündeten keltischen Stämme in Italien bis an den Kleinen St. Bernhard wohnten, während ihn der Weg über den Mont Genèvre zunächst in das Gebiet der Tauriner geführt haben würde, die seit alten Zeiten mit den Insubrern in Fehde lagen.
So marschierte das karthagische Heer zunächst an der Rhone hinauf gegen das Tal der oberen Isère zu, nicht, wie man vermuten könnte, auf dem nächsten Weg, an dem linken Ufer der unteren Isère hinauf, von Valence nach Grenoble, sondern durch die "Insel" der Allobrogen, die reiche und damals schon dichtbevölkerte Niederung, die nördlich und westlich von der Rhone, südlich von der Isère, östlich von den Alpen umfaßt wird. Es geschah dies wieder deshalb, weil die nächste Straße durch ein unwegsames und armes Bergland geführt hätte, während die Insel eben und äußerst fruchtbar ist und nur eine einfache Bergwand sie von dem oberen Isèretal scheidet. Der Marsch an der Rhone in und quer durch die Insel bis an den Fuß der Alpenwand war in sechzehn Tagen vollendet; er bot geringe Schwierigkeit und auf der Insel selbst wußte Hannibal durch geschickte Benutzung einer zwischen zwei allobrogischen Häuptlingen ausgebrochenen Fehde sich einen der bedeutendsten derselben zu verpflichten, daß derselbe den Karthagern nicht bloß durch die ganze Ebene das Geleit gab, sondern auch ihnen die Vorräte ergänzte und die Soldaten mit Waffen, Kleidung und Schuhzeug versah. Allein an dem Übergang über die erste Alpenkette, die steil und wandartig emporsteigt und über die nur ein einziger gangbarer Pfad (über den Mont du Chat beim Dorfe Chevelu) führt, wäre fast der Zug gescheitert. Die allobrogische Bevölkerung hatte den Paß stark besetzt. Hannibal erfuhr es früh genug, um einen Überfall zu vermeiden, und lagerte am Fuß, bis nach Sonnenuntergang die Kelten sich in die Häuser der nächsten Stadt zerstreuten, worauf er in der Nacht den Paß einnahm. So war die Höhe gewonnen; allein auf dem äußerst steilen Weg, der von der Höhe nach dem See von Bourget hinabführt, glitten und stürzten die Maultiere und die Pferde. Die Angriffe, die an geeigneten Stellen von den Kelten auf die marschierende Armee gemacht wurden, waren weniger an sich als durch das in Folge derselben entstehende Getümmel sehr unbequem; und als Hannibal sich mit seinen leichten Truppen von oben herab auf die Allobrogen warf, wurden diese zwar ohne Mühe und mit starkem Verlust den Berg hinuntergejagt, allein die Verwirrung, besonders in dem Train, ward noch erhöht durch den Lärm des Gefechts. So nach starkem Verlust in der Ebene angelangt, überfiel Hannibal sofort die nächste Stadt, um die Barbaren zu züchtigen und zu schrecken und zugleich seinen Verlust an Saumtieren und Pferden möglichst wieder zu ersetzen. Nach einem Rasttag in dem anmutigen Tal von Chambéry setzte die Armee an der Isère hinauf ihren Marsch fort, ohne in dem breiten und reichen Grund durch Mangel oder Angriffe aufgehalten zu werden. Erst als man am vierten Tage eintrat in das Gebiet der Ceutronen (die heutige Tarantaise), wo allmählich das Tal sich verengt, hatte man wiederum mehr Veranlassung, auf seiner Hut zu sein. Die Ceutronen empfingen das Heer an der Landesgrenze (etwa bei Conflans) mit Zweigen und Kränzen, stellten Schlachtvieh, Führer und Geiseln, und wie durch Freundesland zog man durch ihr Gebiet. Als jedoch die Truppen unmittelbar am Fuß der Alpen angelangt waren, da wo der Weg die Isère verläßt und durch ein enges und schwieriges Defilee an den Bach Reclus hinauf sich zu dem Gipfel des Bernhard emporwindet, erschien auf einmal die Landwehr der Ceutronen teils im Rücken der Armee, teils auf den rechts und links den Paß einschließenden Bergrändern, in der Hoffnung, den Troß und das Gepäck abzuschneiden. Allein Hannibal, dessen sicherer Takt in all jenem Entgegenkommen der Ceutronen nichts gesehen hatte als die Absicht, zugleich Schonung ihres Gebiets und die reiche Beute zu gewinnen, hatte in Erwartung eines solchen Angriffs den Troß und die Reiterei voraufgeschickt und deckte den Marsch mit dem gesamten Fußvolk; die Absicht der Feinde wurde dadurch vereitelt, obwohl er nicht verhindern konnte, daß sie, auf den Bergabhängen den Marsch des Fußvolks begleitend, ihm durch geschleuderte oder herabgerollte Steine sehr beträchtlichen Verlust zufügten. An dem "weißen Stein" (noch jetzt la roche blanche), einem hohen, am Fuße des Bernhard einzeln stehenden und den Aufweg auf denselben beherrschenden Kreidefels, lagerte Hannibal mit seinem Fußvolk, den Abzug der die ganze Nacht hindurch mühsam hinaufklimmenden Pferde und Saumtiere zu decken, und erreichte unter beständigen, sehr blutigen Gefechten endlich am folgenden Tage die Paßhöhe. Hier, auf der geschützten Hochebene, die sich um einen kleinen See, die Quelle der Doria, in einer Ausdehnung von etwa 2½ Miglien ausbreitet, ließ er die Armee rasten. Die Entmutigung hatte angefangen, sich der Gemüter der Soldaten zu bemächtigen. Die immer schwieriger werdenden Wege, die zu Ende gehenden Vorräte, die Defileenmärsche unter beständigen Angriffen des unerreichbaren Feindes, die arg gelichteten Reihen, die hoffnungslose Lage der Versprengten und Verwundeten, das nur der Begeisterung des Führers und seiner Nächsten nicht chimärisch erscheinende Ziel, fingen an, auch auf die afrikanischen und spanischen Veteranen zu wirken. Indes die Zuversicht des Feldherrn blieb sich immer gleich; zahlreiche Versprengte fanden sich wieder ein; die befreundeten Gallier waren nah, die Wasserscheide erreicht und der dem Bergwanderer so erfreuliche Blick auf den absteigenden Pfad eröffnet; nach kurzer Rast schickte man mit erneutem Mute zu dem letzten und schwierigsten Unternehmen, dem Hinabmarsch sich an. Von Feinden ward das Heer dabei nicht wesentlich beunruhigt; aber die vorgerückte Jahreszeit - man war schon im Anfang September - vertrat bei dem Niederweg das Ungemach, das bei dem Aufweg die Überfälle der Anwohner bereitet hatten. Auf dem steilen und schlüpfrigen Berghang längs der Doria, wo der frischgefallene Schnee die Pfade verborgen und verdorben hatte, verirrten und glitten Menschen und Tiere und stürzten in die Abgründe; ja gegen das Ende des ersten Tagemarsches gelangte man an eine Wegstrecke von etwa 200 Schritt Länge, auf welche von den steil darüber hängenden Felsen des Cramont beständig Lawinen hinabstürzen und wo in kalten Sommern der Schnee das ganze Jahr liegt. Das Fußvolk kam hinüber; aber Pferde und Elefanten vermochten die glatten Eismassen, über welche nur eine dünne Decke frischgefallenen Schnees sich hinzog, nicht zu passieren und mit dem Trosse, der Reiterei und den Elefanten nahm der Feldherr oberhalb der schwierigen Stelle das Lager. Am folgenden Tag bahnten die Reiter durch angestrengtes Schanzen den Weg für Pferde und Saumtiere; allein erst nach einer ferneren dreitägigen Arbeit mit beständiger Ablösung der Hände konnten endlich die halbverhungerten Elefanten hinübergeführt werden. So war nach viertägigem Aufenthalt die ganze Armee wieder vereinigt und nach einem weiteren dreitägigen Marsch durch das immer breiter und fruchtbarer sich entwickelnde Tal der Doria, dessen Einwohner, die Salasser, Klienten der Insubrer, in den Karthagern ihre Verbündeten und ihre Befreier begrüßten, gelangte die Armee um die Mitte des September in die Ebene von Ivrea, wo die erschöpften Truppen in den Dörfern einquartiert wurden, um durch gute Verpflegung und eine vierzehntägige Rast von den beispiellosen Strapazen sich zu erholen. Hätten die Römer, wie sie es konnten, ein Korps von 30000 ausgeruhten und kampffertigen Leuten etwa bei Turin gehabt und die Schlacht sofort erzwungen, so hätte es mißlich ausgesehen um Hannibals großen Plan; zum Glück für ihn waren sie wieder einmal nicht, wo sie sein sollten, und störten die feindlichen Truppen nicht in der Ruhe, deren sie so sehr bedurften 4.
4 Die vielbestrittenen topographischen Fragen, die an diese berühmte Expedition sich knüpfen, können als erledigt und im wesentlichen als gelöst gelten durch die musterhaft geführte Untersuchung der Herren Wickham und Gramer. Über die chronologischen, die gleichfalls Schwierigkeiten darbieten, mögen hier ausnahmsweise einige Bemerkungen stehen.
Als Hannibal auf den Gipfel des Bernhard gelangte, "fingen die Spitzen schon an, sich dicht mit Schnee zu bedecken" (Polyb. 3, 54); auf dem Wege lag Schnee (Polyb. 3, 55), aber vielleicht größtenteils nicht frisch gefallener, sondern Schnee von herabgestürzten Lawinen. Auf dem Bernhard beginnt der Winter um Michaelis, der Schneefall im September; als Ende August die genannten Engländer den Berg überstiegen, fanden sie fast gar keinen Schnee auf ihrem Wege, aber zu beiden Seiten die Bergabhänge davon bedeckt. Hiernach scheint Hannibal Anfang September auf dem Paß angelangt zu sein; womit auch wohl vereinbar ist, daß er dort eintraf, "als schon der Winter herannahte" - denn mehr ist ςυνάπτειν τήν τής πλειάδος δύσιν (Polyb. 3, 54) nicht, am wenigsten der Tag des Frühuntergangs der Plejaden (etwa 26. Oktober); vgl. C. L. Ideler, Lehrbuch der Chronologie. Berlin 1831. Bd. 1, S. 241.
Kam Hannibal neun Tage später, also Mitte September in Italien an, so ist auch Platz für die von da bis zur Schlacht an der Trebia gegen Ende Dezember (περί χειμερινάς τροπάς Polyb. 3, 72) eingetretenen Ereignisse, namentlich die Translokation des nach Afrika bestimmten Heeres von Lilybäon nach Placentia. Es paßt dazu ferner, daß in einer Heerversammlung υπό τήν εαρινήν ώραν (Polyb. 3, 34), also gegen Ende März, der Tag des Abmarsches bekannt gemacht ward und der Marsch fünf (oder nach App. Hisp. 7, 4 sechs) Monate währte. Wenn also Hannibal Anfang September auf dem Bernhard war, so war er, da er von der Rhone bis dahin 30 Tage gebraucht, an der Rhône Anfang August eingetroffen, wo denn freilich Scipio, der im Anfang des Sommers (Polyb. 3, 41), also spätestens Anfang Juni sich einschiffte unterwegs sich sehr verweilt oder in Massalia in seltsamer Untätigkeit längere Zeit gesessen haben muß.
Das Ziel war erreicht, aber mit schweren Opfern. Von den 50000 zu Fuß, den 9000 zu Roß dienenden alten Soldaten, welche die Armee nach dem Pyrenäenübergang zählte, waren mehr als die Hälfte das Opfer der Gefechte, der Märsche und der Flußübergänge geworden; Hannibal zählte nach seiner eigenen Angabe jetzt nicht mehr als 20000 zu Fuß - davon drei Fünftel Libyer, zwei Fünftel Spanier - und 6000 zum Teil wohl demontierte Reiter, deren verhältnismäßig geringer Verlust nicht minder für die Trefflichkeit der numidischen Kavallerie spricht wie für die wohlüberlegte Schonung, mit der der Feldherr diese ausgesuchte Truppe verwandte. Ein Marsch von 526 Miglien oder etwa 33 mäßigen Tagemärschen, dessen Fortsetzung und Beendigung durch keinen besonderen, nicht vorherzusehenden größeren Unfall gestört, vielmehr nur durch unberechenbare Glücksfälle und noch unberechenbarere Fehler des Feindes möglich ward und der dennoch nicht bloß solche Opfer kostete, sondern die Armee so strapazierte und demoralisierte, daß sie einer längeren Rast bedurfte, um wieder kampffähig zu werden, ist eine militärische Operation von zweifelhaftem Werte, und es darf in Frage gestellt werden, ob Hannibal sie selber als gelungen betrachtete. Nur dürfen wir daran nicht unbedingt einen Tadel des Feldherrn knüpfen; wir sehen wohl die Mängel des von ihm befolgten Operationsplans, können aber nicht entscheiden, ob er imstande war, sie vorherzusehen - führte doch sein Weg durch unbekanntes Barbarenland -, und ob ein anderer Plan, etwa die Küstenstraße einzuschlagen oder in Cartagena oder Karthago sich einzuschiffen, ihn geringeren Gefahren ausgesetzt haben würde. Die umsichtige und meisterhafte Ausführung des Planes im einzelnen ist auf jeden Fall bewundernswert, und worauf am Ende alles ankam - sei es nun mehr durch die Gunst des Schicksals oder sei es mehr durch die Kunst des Feldherrn, Hamilkars großer Gedanke, in Italien den Kampf mit Rom aufzunehmen, war jetzt zur Tat geworden. Sein Geist ist es, der diesen Zug entwarf; und wie Steins und Scharnhorsts Aufgabe schwieriger und großartiger war als die von York und Blücher, so hat auch der sichere Takt geschichtlicher Erinnerung das letzte Glied der großen Kette von vorbereitenden Taten, den Übergang über die Alpen, stets mit größerer Bewunderung genannt als die Schlachten am Trasimenischen See und auf der Ebene von Cannae.
5. Kapitel.
Der Hannibalische Krieg bis zur Schlacht bei Cannae
Durch das Erscheinen der karthagischen Armee diesseits der Alpen war mit einem Schlag die Lage der Dinge verwandelt und der römische Kriegsplan gesprengt. Von den beiden römischen Hauptarmeen war die eine in Spanien gelandet und dort schon mit dem Feinde handgemein; sie zurückzuziehen, war nicht mehr möglich. Die zweite, die unter dem Oberbefehl des Konsuls Tiberius Sempronius nach Afrika bestimmt war, stand glücklicherweise noch in Sizilien; die römische Zauderei bewies sich hier einmal von Nutzen. Von den beiden karthagischen nach Italien und Sizilien bestimmten Geschwadern war das erste durch den Sturm zerstreut und einige der Schiffe desselben bei Messana von den syrakusanischen aufgebracht worden; das zweite hatte vergeblich versucht, Lilybäon zu überrumpeln und darauf in einem Seegefecht vor diesem Hafen den kürzeren gezogen. Doch war das Verweilen der feindlichen Geschwader in den italischen Gewässern so unbequem, daß der Konsul beschloß, bevor er nach Afrika überfuhr, die kleinen Inseln um Sizilien zu besetzen und die gegen Italien operierende karthagische Flotte zu vertreiben. Mit der Eroberung von Melite und dem Aufsuchen des feindlichen Geschwaders, das er bei den Liparischen Inseln vermutete, während es bei Vibo (Monteleone) gelandet die brettische Küste brandschatzte, endlich mit der Erkundung eines geeigneten Landungsplatzes an der afrikanischen Küste war ihm der Sommer vergangen, und so traf der Befehl des Senats, so schleunig wie möglich zur Verteidigung der Heimat zurückzukehren, Heer und Flotte noch in Lilybäon.
Während also die beiden großen, jede für sich der Armee Hannibals an Zahl gleichen römischen Armeen in weiter Ferne von dem Potal verweilten, war man hier auf einen Angriff schlechterdings nicht gefaßt. Zwar stand dort ein römisches Heer infolge der unter den Kelten schon vor Ankunft der karthagischen Armee ausgebrochenen Insurrektion. Die Gründung der beiden römischen Zwingburgen Placentia und Cremona, von denen jede 6000 Kolonisten erhielt, und namentlich die Vorbereitungen zur Gründung von Mutina im boischen Lande hatten schon im Frühling 536 (218), vor der mit Hannibal verabredeten Zeit, die Boier zum Aufstand getrieben, dem sich die Insubrer sofort anschlossen. Die schon auf dem mutinensischen Gebiet angesiedelten Kolonisten, plötzlich überfallen, flüchteten sich in die Stadt. Der Prätor Lucius Manlius, der in Ariminum den Oberbefehl führte, eilte schleunig mit seiner einzigen Legion herbei, um die blockierten Kolonisten zu entsetzen; allein in den Wäldern überrascht, blieb ihm nach starkem Verlust nichts anderes übrig, als sich auf einem Hügel festzusetzen und hiervon den Boiern sich gleichfalls belagern zu lassen, bis eine zweite von Rom gesandte Legion unter dem Prätor Lucius Atilius Heer und Stadt glücklich befreite und den gallischen Aufstand für den Augenblick dämpfte. Dieser voreilige Aufstand der Boier, der einerseits, insofern er Scipios Abfahrt nach Spanien verzögerte, Hannibals Plan wesentlich gefördert hatte, war anderseits die Ursache, daß er das Potal nicht bis auf die Festungen völlig unbesetzt fand. Allein das römische Korps, dessen zwei stark dezimierte Legionen keine 20000 Soldaten zählten, hatte genug zu tun, die Kelten im Zaum zu halten, und dachte nicht daran, die Alpenpässe zu besetzen, deren Bedrohung man auch in Rom erst erfuhr, als im August der Konsul Publius Scipio ohne sein Heer von Massalia nach Italien zurückkam, und vielleicht selbst damals wenig beachtete, da ja das tollkühne Beginnen allein an den Alpen scheitern werde. Also stand in der entscheidenden Stunde an dem entscheidenden Platz nicht einmal ein römischer Vorposten; Hannibal hatte volle Zeit, sein Heer auszuruhen, die Hauptstadt der Tauriner, die ihm die Tore verschloß, nach dreitägiger Belagerung zu erstürmen und alle ligurischen und keltischen Gemeinden im oberen Potal zum Bündnis zu bewegen oder zu schrecken, bevor Scipio, der das Kommando im Potal übernommen hatte, ihm in den Weg trat. Dieser, dem die schwierige Aufgabe zufiel, mit einem bedeutend geringeren, namentlich an Reiterei sehr schwachen Heer das Vordringen der überlegenen feindlichen Armee auf- und die überall sich regende keltische Insurrektion niederzuhalten, war, vermutlich bei Placentia, über den Po gegangen und rückte an diesem hinauf dem Feind entgegen, während Hannibal nach der Einnahme von Turin flußabwärts marschierte, um den Insubrern und Boiern Luft zu machen. In der Ebene zwischen dem Ticino und der Sesia unweit Vercellae traf die römische Reiterei, die mit dem leichten Fußvolk zu einer forcierten Rekognoszierung vorgegangen war, auf die zu gleichem Zwecke ausgesendete phönikische, beide geführt von den Feldherren in Person. Scipio nahm das angebotene Gefecht trotz der Überlegenheit des Feindes an; allein sein leichtes Fußvolk, das vor der Front der Reiter aufgestellt war, riß vor dem Stoß der feindlichen schweren Reiterei aus und während diese von vorn die römischen Reitermassen engagierte, nahm die leichte numidische Kavallerie, nachdem sie die zersprengten Scharen des feindlichen Fußvolks beiseite gedrängt hatte, die römischen Reiter in die Flanken und den Rücken. Dies entschied das Gefecht. Der Verlust der Römer war sehr beträchtlich; der Konsul selbst, der als Soldat gutmachte, was er als Feldherr gefehlt hatte, empfing eine gefährliche Wunde und verdankte seine Rettung nur der Hingebung seines siebzehnjährigen Sohnes, der mutig in die Feinde hineinsprengend seine Schwadron zwang, ihm zu folgen und den Vater heraushieb. Scipio, durch dies Gefecht aufgeklärt über die Stärke des Feindes, begriff den Fehler, den er gemacht hatte, mit einer schwächeren Armee sich in der Ebene mit dem Rücken gegen den Fluß aufzustellen und entschloß sich, unter den Augen des Gegners auf das rechte Poufer zurückzukehren. Wie die Operationen sich auf einen engeren Raum zusammenzogen und die Illusionen der römischen Unwiderstehlichkeit von ihm wichen, fand er sein bedeutendes militärisches Talent wieder, das der bis zur Abenteuerlichkeit verwegene Plan seines jugendlichen Gegners auf einen Augenblick paralysiert hatte. Während Hannibal sich zur Feldschlacht bereit machte, gelangte Scipio durch einen rasch entworfenen und sicher ausgeführten Marsch glücklich auf das zur Unzeit verlassene rechte Ufer des Flusses und brach die Pobrücke hinter dem Heere ab, wobei freilich das mit der Deckung des Abbruchs beauftragte römische Detachement von 600 Mann abgeschnitten und gefangen wurde. Indes konnte, da der obere Lauf des Flusses in Hannibals Händen war, es diesem nicht verwehrt werden, daß er stromaufwärts marschierend auf einer Schiffbrücke übersetzte und in wenigen Tagen auf dem rechten Ufer dem römischen Heere gegenübertrat. Dies hatte in der Ebene vorwärts von Placentia Stellung genommen; allein die Meuterei einer keltischen Abteilung im römischen Lager und die ringsum aufs neue ausbrechende gallische Insurrektion zwang den Konsul, die Ebene zu räumen und sich auf den Hügeln hinter der Trebia festzusetzen, was ohne namhaften Verlust bewerkstelligt ward, da die nachsetzenden numidischen Reiter mit dem Plündern und Anzünden des verlassenen Lagers die Zeit verdarben. In dieser starken Stellung, den linken Flügel gelehnt an den Apennin, den rechten an den Po und die Festung Placentia, von vorn gedeckt durch die in dieser Jahreszeit nicht unbedeutende Trebia, vermochte er zwar die reichen Magazine von Clastidium (Casteggio), von dem ihn in dieser Stellung die feindliche Armee abschnitt, nicht zu retten und die insurrektionelle Bewegung fast aller gallischen Kantone mit Ausnahme der römisch gesinnten Cenomanen nicht abzuwenden. Aber Hannibals Weitermarsch war völlig gehemmt und derselbe genötigt, sein Lager dem römischen gegenüber zu schlagen; ferner hinderte die von Scipio genommene Stellung sowie die Bedrohung der insubrischen Grenzen durch die Cenomanen die Hauptmasse der gallischen Insurgenten, sich unmittelbar dem Feinde anzuschließen, und gab dem zweiten römischen Heer, das mittlerweile von Lilybäon in Ariminum eingetroffen war, Gelegenheit, mitten durch das insurgierte Land ohne wesentliche Hinderung Placentia zu erreichen und mit der Poarmee sich zu vereinigen. Scipio hatte also seine schwierige Aufgabe vollständig und glänzend gelöst. Das römische Heer, jetzt nahe an 40000 Mann stark und dem Gegner wenn auch an Reiterei nicht gewachsen, doch an Fußvolk wenigstens gleich, brauchte bloß da stehen zu bleiben, wo es stand, um den Feind entweder zu nötigen, in der winterlichen Jahreszeit den Flußübergang und den Angriff auf das römische Lager zu versuchen oder sein Vorrücken einzustellen und den Wankelmut der Gallier durch die lästigen Winterquartiere auf die Probe zu setzen. Indes so einleuchtend dies war, so war es nicht minder unzweifelhaft, daß man schon im Dezember stand und bei jenem Verfahren zwar vielleicht Rom den Sieg gewann, aber nicht der Konsul Tiberius Sempronius, der infolge von Scipios Verwundung den Oberbefehl allein führte und dessen Amtsjahr in wenigen Monaten ablief. Hannibal kannte den Mann und versäumte nichts, ihn zum Kampf zu reizen; die den Römern treugebliebenen keltischen Dörfer wurden grausam verheert und als darüber ein Reitergefecht sich entspann, gestattete Hannibal den Gegnern, sich des Sieges zu rühmen. Bald darauf, an einem rauhen regnerischen Tage, kam es, den Römern unvermutet, zu der Hauptschlacht. Vom frühesten Morgen an hatten die römischen leichten Truppen herumgeplänkelt mit der leichten Reiterei der Feinde; diese wich langsam, und hitzig eilten die Römer ihr nach durch die hochangeschwollene Trebia, den errungenen Vorteil zu verfolgen. Plötzlich standen die Reiter; die römische Vorhut fand sich auf dem von Hannibal gewählten Schlachtfeld seiner zur Schlacht geordneten Armee gegenüber - sie war verloren, wenn nicht das Gros der Armee schleunigst über den Bach folgte. Hungrig, ermüdet und durchnäßt kamen die Römer an und eilten sich, in Reihe und Glied zu stellen; die Reiter wie immer auf den Flügeln, das Fußvolk im Mitteltreffen. Die leichten Truppen, die auf beiden Seiten die Vorhut bildeten, begannen das Gefecht; allein die römischen hatten fast schon gegen die Reiterei sich verschossen und wichen sofort, ebenso auf den Flügeln die Reiterei, welche die Elefanten von vorn bedrängten und die weit zahlreicheren karthagischen Reiter links und rechts überflügelten. Aber das römische Fußvolk bewies sich seines Namens wert; es focht zu Anfang der Schlacht mit der entschiedensten Überlegenheit gegen die feindliche Infanterie, und selbst als die Zurückdrängung der römischen Reiter der feindlichen Kavallerie und den Leichtbewaffneten gestattete, ihre Angriffe gegen das römische Fußvolk zu kehren, stand dasselbe zwar vom Vordringen ab, aber zum Weichen war es nicht zu bringen. Da plötzlich erschien eine auserlesene karthagische Schar, 1000 Mann zu Fuß und ebensoviele zu Pferd unter der Führung von Mago, Hannibals jüngstem Bruder, aus einem Hinterhalt in dem Rücken der römischen Armee und hieb ein in die dicht verwickelten Massen. Die Flügel der Armee und die letzten Glieder des römischen Zentrums wurden durch diesen Angriff aufgelöst und zersprengt. Das erste Treffen, 10000 Mann stark, durchbrach, sich eng zusammenschließend, die karthagische Linie und bahnte mitten durch die Feinde sich seitwärts einen Ausweg, der der feindlichen Infanterie, namentlich den gallischen Insurgenten teuer zu stehen kam; diese tapfere Truppe gelangte also, nur schwach verfolgt, nach Placentia. Die übrige Masse ward zum größten Teil bei dem Versuch, den Fluß zu überschreiten, von den Elefanten und den leichten Truppen des Feindes niedergemacht; nur ein Teil der Reiterei und einige Abteilungen des Fußvolks vermochten den Fluß durchwatend das Lager zu gewinnen, wohin ihnen die Karthager nicht folgten, und erreichten von da gleichfalls Placentia 1. Wenige Schlachten machen dem römischen Soldaten mehr Ehre als diese an der Trebia und wenige zugleich sind eine schwerere Anklage gegen den Feldherrn, der sie schlug; obwohl der billig Urteilende nicht vergessen wird, daß die an einem bestimmten Tage ablaufende Feldhauptmannschaft eine unmilitärische Institution war und von Dornen sich einmal keine Feigen ernten lassen. Auch den Siegern kam der Sieg teuer zu stehen. Wenngleich der Verlust im Kampfe hauptsächlich auf die keltischen Insurgenten gefallen war, so erlagen doch nachher den infolge des rauhen und nassen Wintertages entstandenen Krankheiten eine Menge von Hannibals alten Soldaten und sämtliche Elefanten bis auf einen einzigen.
1 Polybios' Bericht über die Schlacht an der Trebia ist vollkommen klar. Wenn Placentia auf dem rechten Ufer der Trebia an deren Mündung in den Po lag, und wenn die Schlacht auf dem linken Ufer geliefert ward, während das römische Lager auf dem rechten geschlagen war - was beides wohl bestritten worden, aber nichtsdestoweniger unbestreitbar ist -, so mußten allerdings die römischen Soldaten, ebensogut um Placentia wie um das Lager zu gewinnen, die Trebia passieren. Allein bei dem Übergang in das Lager hätten sie durch die aufgelösten Teile der eigenen Armee und durch das feindliche Umgehungskorps sich den Weg bahnen und dann fast im Handgemenge mit dem Feinde den Fluß überschreiten müssen. Dagegen ward der Übergang bei Placentia bewerkstelligt, nachdem die Verfolgung nachgelassen hatte, das Korps mehrere Meilen vom Schlachtfeld entfernt und im Bereiche einer römischen Festung angelangt war; es kann sogar sein, obwohl es sich nicht beweisen läßt, daß hier eine Brücke über die Trebia führte und der Brückenkopf am anderen Ufer von der placentinischen Garnison besetzt war. Es ist einleuchtend, daß die erste Passage ebenso schwierig wie die zweite leicht war und Polybios also, Militär wie er war, mit gutem Grunde von dem Korps der Zehntausend bloß sagt, daß es in geschlossenen Kolonnen nach Placentia sich durchschlug (3, 74, 6), ohne des hier gleichgültigen Übergangs über den Fluß zu gedenken.
Die Verkehrtheit der Livianischen Darstellung, welche das phönikische Lager auf das rechte, das römische auf das linke Ufer der Trebia verlegt, ist neuerdings mehrfach hervorgehoben worden. Es mag nur noch daran erinnert werden, daß die Lage von Clastidium bei dem heutigen Casteggio jetzt durch Inschriften festgestellt ist (Orelli-Henzen 5117).
Die Folge dieses ersten Sieges der Invasionsarmee war, daß die nationale Insurrektion sich nun im ganzen Kettenland ungestört erhob und organisierte. Die Überreste der römische Poarmee warfen sich in die Festungen Placentia und Cremona; vollständig abgeschnitten von der Heimat, mußten sie ihre Zufuhren auf dem Fluß zu Wasser beziehen. Nur wie durch ein Wunder entging der Konsul Tiberius Sempronius der Gefangenschaft, als er mit einem schwachen Reitertrupp der Wahlen wegen nach Rom ging. Hannibal, der nicht durch weitere Märsche in der rauben Jahreszeit die Gesundheit seiner Truppen aufs Spiel setzen wollte, bezog, wo er war, das Winterbiwak und begnügte sich, da ein ernstlicher Versuch auf die größeren Festungen zu nichts geführt haben würde, durch Angriffe auf den Flußhafen von Placentia und andere kleinere römische Positionen den Feind zu necken. Hauptsächlich beschäftigte er sich damit, den gallischen Aufstand zu organisieren; über 60000 Fußsoldaten und 4000 Berittene sollen von den Kelten sich seinem Heer angeschlossen haben.
Für den Feldzug des Jahres 537 (217) wurden in Rom keine außerordentlichen Anstrengungen gemacht; der Senat betrachtete, und nicht mit Unrecht, trotz der verlorenen Schlacht die Lage noch keineswegs als ernstlich gefahrvoll. Außer den Küstenbesatzungen, die nach Sardinien, Sizilien und Tarent, und den Verstärkungen, die nach Spanien abgingen, erhielten die beiden neuen Konsuln Gaius Flaminius und Gnaeus Servilius nur soviel Mannschaft, als nötig war, um die vier Legionen wieder vollzählig zu machen; einzig die Reiterei wurde verstärkt. Sie sollten die Nordgrenze decken und stellten sich deshalb an den beiden Kunststraßen auf, die von Rom nach Norden führten, und von denen die westliche damals bei Arretium, die östliche bei Ariminum endigte; jene besetzte Gaius Flaminius, diese Gnaeus Servilius. Hier zogen sie die Truppen aus den Pofestungen, wahrscheinlich zu Wasser, wieder an sich und erwarteten den Beginn der besseren Jahreszeit, um in der Defensive die Apenninpässe zu besetzen und, zur Offensive übergehend, in das Potal hinabzusteigen und etwa bei Placentia sich die Hand zu reichen. Allein Hannibal hatte keineswegs die Absicht, das Potal zu verteidigen. Er kannte Rom besser vielleicht, als die Römer selbst es kannten, und wußte sehr genau, wie entschieden er der Schwächere war und es blieb trotz der glänzenden Schlacht an der Trebia; er wußte auch, daß sein letztes Ziel, die Demütigung Roms, von dem zähen römischen Trotz weder durch Schreck noch durch Überraschung zu erreichen sei, sondern nur durch die tatsächliche Überwältigung der stolzen Stadt. Es lag klar am Tage, wie unendlich ihm, dem von daheim nur unsichere und unregelmäßige Unterstützung zukam und der in Italien zunächst nur auf das schwankende und latinische Kelterwolk sich zu lehnen vermochte, die italische Eidgenossenschaft an politischer Festigkeit und an militärischen Hilfsmitteln überlegen war; und wie tief trotz aller angewandten Mühe der phönikische Fußsoldat unter dem Legionär taktisch stand, hatte die Defensive Scipios und der glänzende Rückzug der geschlagenen Infanterie an der Trebia vollkommen erwiesen. Aus dieser Einsicht flossen die beiden Grundgedanken, die Hannibals ganze Handlungsweise in Italien bestimmt haben: den Krieg mit stetem Wechsel des Operationsplans und des Schauplatzes, gewissermaßen abenteuernd zu führen, die Beendigung desselben aber nicht von den militärischen Erfolgen, sondern von den politischen, von der allmählichen Lockerung und der endlichen Sprengung der italischen Eidgenossenschaft zu erwarten. Jene Führung war notwendig, weil das einzige, was Hannibal gegen so viele Nachteile in die Waagschale zu werfen hatte, sein militärisches Genie nur dann vollständig ins Gewicht fiel, wenn er seine Gegner stets durch unvermutete Kombinationen deroutierte, und er verloren war, sowie der Krieg zum Stehen kam. Dieses Ziel war das von der richtigen Politik ihm gebotene, weil er, der gewaltige Schlachtensieger, sehr deutlich einsah, daß er jedesmal die Generale überwand und nicht die Stadt, und nach jeder neuen Schlacht die Römer den Karthagern ebenso überlegen blieben, wie er den römischen Feldherren. Daß Hannibal selbst auf dem Gipfel des Glücks sich nie hierüber getäuscht hat, ist bewunderungswürdiger als seine bewundertsten Schlachten.
Dies und nicht die Bitten der Gallier um Schonung ihres Landes, die ihn nicht bestimmen durften, ist auch die Ursache, warum Hannibal seine neugewonnene Operationsbasis gegen Italien jetzt gleichsam fallen ließ und den Kriegsschauplatz nach Italien selbst verlegte. Vorher hieß er alle Gefangenen sich vorführen. Die Römer ließ er aussondern und mit Sklavenfesseln belasten - daß Hannibal alle waffenfähigen Römer, die ihm hier und sonst in die Hände fielen, habe niedermachen lassen, ist ohne Zweifel mindestens stark übertrieben; dagegen wurden die sämtlichen italischen Bundesgenossen ohne Lösegeld entlassen, um daheim zu berichten, daß Hannibal nicht gegen Italien Krieg führe, sondern gegen Rom; daß er jeder italischen Gemeinde die alte Unabhängigkeit und die alten Grenzen wieder zusichere und daß den Befreiten der Befreier auf dem Fuße folge als Retter und als Rächer. In der Tat bracher, da der Winter zu Ende ging, aus dem Potal auf, um sich einen Weg durch die schwierigen Defileen des Apennin zu suchen. Gaius Flaminius mit der etruskischen Armee stand vorläufig noch bei Arezzo, um von hier aus zur Deckung des Arnotales und der Apenninpässe etwa nach Lucca abzurücken, sowie es die Jahreszeit erlaubte. Allein Hannibal kam ihm zuvor. Der Apenninübergang ward in möglichst westlicher Richtung, das heißt möglichst weit vom Feinde, ohne große Schwierigkeit bewerkstelligt; allein die sumpfigen Niederungen zwischen dem Serchio und dem Arno waren durch die Schneeschmelze und die Frühlingsregen so überstaut, daß die Armee vier Tage im Wasser zu marschieren hatte, ohne auch nur zur nächtlichen Rast einen anderen trockenen Platz zu finden, als den das zusammengehäufte Gepäck und die gefallenen Saumtiere darboten. Die Truppen litten unsäglich, namentlich das gallische Fußvolk, das hinter dem karthagischen in den schon grundlosen Wegen marschierte; es murrte laut und wäre ohne Zweifel in Masse ausgerissen, wenn nicht die karthagische Reiterei unter Mago, die den Zug beschloß, ihm die Flucht unmöglich gemacht hätte. Die Pferde, unter denen die Klauenseuche ausbrach, fielen haufenweise; andere Seuchen dezimierten die Soldaten; Hannibal selbst verlor infolge einer Entzündung das eine Auge. Indes das Ziel ward erreicht; Hannibal lagerte bei Fiesole, während Gaius Flaminius noch bei Arezzo abwartete, daß die Wege gangbar würden, um sie zu sperren. Nachdem die römische Defensivstellung somit umgangen war, konnte der Konsul, der vielleicht stark genug gewesen wäre, um die Bergpässe zu verteidigen, aber sicher nicht imstande war, Hannibal jetzt im offenen Felde zu stehen, nichts Besseres tun als warten, bis das zweite, nun bei Ariminum völlig überflüssig gewordene Heer herankam. Indes er selber urteilte anders. Er war ein politischer Parteiführer, durch seine Bemühungen, die Macht des Senats zu beschränken, in die Höhe gekommen, durch die gegen ihn während seiner Konsulate gesponnenen aristokratischen Intrigen auf die Regierung erbittert, durch die wohl gerechtfertigte Opposition gegen deren parteilichen Schlendrian fortgerissen zu trotziger Überhebung über Herkommen und Sitte, berauscht zugleich von der blinden Liebe des gemeinen Mannes und ebenso sehr von dem bitteren Haß der Herrenpartei, und über alles dies mit der fixen Idee behaftet, daß er ein militärisches Genie sei. Sein Feldzug gegen die Insubrer von 531 (223), der für unbefangene Urteiler nur bewies, daß tüchtige Soldaten öfters gutmachen, was schlechte Generale verderben, galt ihm und seinen Anhängern als der unumstößliche Beweis, daß man nur den Gaius Flaminius an die Spitze des Heeres zu stellen brauche, um dem Hannibal ein schnelles Ende zu bereiten. Solche Reden hatten ihm das zweite Konsulat verschafft, und solche Hoffnungen hatten jetzt eine derartige Menge von unbewaffneten Beutelustigen in sein Lager geführt, daß deren Zahl nach der Versicherung nüchterner Geschichtschreiber die der Legionarier überstieg. Zum Teil hierauf gründete Hannibal seinen Plan. Weit entfernt, ihn anzugreifen, marschierte er an ihm vorbei und ließ durch die Kelten, die das Plündern gründlich verstanden, und die zahlreiche Reiterei die Landschaft rings umher brandschatzen. Die Klagen und die Erbitterung der Menge, die sich mußte ausplündern lassen unter den Augen des Helden, der sie zu bereichern versprochen; das Bezeigen des Feindes, daß er ihm weder die Macht noch den Entschluß zutraue, vor der Ankunft seines Kollegen etwas zu unternehmen, mußten einen solchen Mann bestimmen, sein strategisches Genie zu entwickeln und dem unbesonnenen hochmütigen Feind eine derbe Lektion zu erteilen. Nie ist ein Plan vollständiger gelungen. Eilig folgte der Konsul dem Marsch des Feindes, der an Arezzo vorüber langsam durch das reiche Chianatal gegen Perugia zog; er erreichte ihn in der Gegend von Cortona, wo Hannibal, genau unterrichtet von dem Marsch seines Gegners, volle Zeit gehabt hatte, sein Schlachtfeld zu wählen, ein enges Defilee zwischen zwei steilen Bergwänden, das am Ausgang ein hoher Hügel, am Eingang der Trasimenische See schloß. Mit dem Kern seiner Infanterie verlegte er den Ausweg; die leichten Truppen und die Reiterei stellten zu beiden Seiten verdeckt sich auf. Unbedenklich rückten die römischen Kolonnen in den unbesetzten Paß; der dichte Morgennebel verbarg ihnen die Stellung des Feindes. Wie die Spitze des römischen Zuges sich dein Hügel näherte, gab Hannibal das Zeichen zur Schlacht; zugleich schloß die Reiterei, hinter den Hügeln vorrückend, den Eingang des Passes und auf den Rändern rechts und links zeigten die verziehenden Nebel überall phönikische Waffen. Es war kein Treffen, sondern nur eine Niederlage. Was außerhalb des Defilees geblieben war, wurde von den Reitern in den See gesprengt, der Hauptzug in dem Passe selbst fast ohne Gegenwehr vernichtet und die meisten, darunter der Konsul selbst, in der Marschordnung niedergehauen. Die Spitze der römischen Heersäule, 6000 Mann zu Fuß schlugen sich zwar durch das feindliche Fußvolk durch und bewiesen wiederum die unwiderstehliche Gewalt der Legionen; allein abgeschnitten und ohne Kunde von dem übrigen Heer, marschierten sie aufs Geratewohl weiter, wurden am folgenden Tag auf einem Hügel, den sie besetzt hatten, von einem karthagischen Reiterkorps umzingelt und da die Kapitulation, die ihnen freien Abzug versprach, von Hannibal verworfen ward, sämtlich als kriegsgefangen behandelt. 15000 Römer waren gefallen, ebenso viele gefangen, das heißt das Heer war vernichtet; der geringe karthagische Verlust - 1500 Mann - traf wieder vorwiegend die Gallier 2. Und als wäre dies nicht genug, so ward gleich nach der Schlacht am Trasimenischen See die Reiterei des ariminensischen Heeres unter Gaius Centenius, 4000 Mann stark, die Gnaeus Servilius, selber langsam nachrückend, vorläufig seinem Kollegen zu Hilfe sandte, gleichfalls von dem phönikischen Heer umzingelt und teils niedergemacht, teils gefangen. Ganz Etrurien war verloren und ungehindert konnte Hannibal auf Rom marschieren. Dort machte man sich auf das Äußerste gefaßt; man brach die Tiberbrücken ab und ernannte den Quintus Fabius Maximus zum Diktator, um die Mauern instand zu setzen und die Verteidigung zu leiten, für welche ein Reserveheer gebildet ward. Zugleich wurden zwei neue Legionen anstatt der vernichteten unter die Waffen gerufen und die Flotte, die im Fall einer Belagerung wichtig werden konnte, instand gesetzt.
2 Das Datum der Schlacht, 23. Juni nach dem unberichtigten Kalender, muß nach dem berichtigten etwa in den April fallen, da Quintus Fabius seine Diktatur nach sechs Monaten in der Mitte des Herbstes (Liv. 22, 31, 7; 32, 1) niederlegte, also sie etwa Anfang Mai antrat. Die Kalenderverwirrung war schon in dieser Zeit in Rom sehr arg.
Allein Hannibal sah weiter als König Pyrrhos. Er marschierte nicht auf Rom; auch nicht gegen Gnaeus Servilius, der, ein tüchtiger Feldherr, seine Armee mit Hilfe der Festungen an der Nordstraße auch jetzt unversehrt erhalten und vielleicht den Gegner sich gegenüber festgehalten haben würde. Es geschah wieder einmal etwas ganz Unerwartetes. An der Festung Spoletium vorbei, deren Überrumpelung fehlschlug, marschierte Hannibal durch Umbrien, verheerte entsetzlich das ganz mit römischen Bauernhöfen bedeckte picenische Gebiet und machte Halt an den Ufern des Adriatischen Meeres. Menschen und Pferde in seinem Heer hatten noch die Nachwehen der Frühlingskampagne nicht verwunden; hier hielt er eine längere Rast, um in der anmutigen Gegend und der schönen Jahreszeit sein Heer sich erholen zu lassen und sein libysches Fußvolk in römischer Weise zu reorganisieren, wozu die Masse der erbeuteten römischen Waffen ihm die Mittel darbot. Von hier aus knüpfte er ferner die lange unterbrochenen Verbindungen mit der Heimat wieder an, indem er zu Wasser seine Siegesbotschaften nach Karthago sandte. Endlich, als sein Heer hinreichend sich wiederhergestellt hatte und der neue Waffendienst genugsam geübt war, brach er auf und marschierte langsam an der Küste hinab in das südliche Italien hinein.
Er hatte richtig gerechnet, als er zu dieser Umgestaltung der Infanterie sich jetzt entschloß; die Überraschung der beständig eines Angriffs auf die Hauptstadt gewärtigen Gegner ließ ihm mindestens vier Wochen ungestörter Muße zur Verwirklichung des beispiellos verwegenen Experiments, im Herzen des feindlichen Landes mit einer noch immer verhältnismäßig geringen Armee sein militärisches System vollständig zu ändern und den Versuch zu machen, den unbesiegbaren italischen afrikanische Legionen gegenüberzustellen. Allein seine Hoffnung, daß die Eidgenossenschaft nun anfangen werde, sich zu lockern, erfüllte sich nicht. Auf die Etrusker, die schon ihre letzten Unabhängigkeitskriege vorzugsweise mit gallischen Söldnern geführt hatten, kam es hierbei am wenigsten an; der Kern der Eidgenossenschaft, namentlich in militärischer Hinsicht, waren nächst den latinischen die sabellischen Gemeinden, und mit gutem Grund hatte Hannibal jetzt diesen sich genähert. Allein eine Stadt nach der andern schloß ihre Tore; nicht eine einzige italische Gemeinde machte Bündnis mit dem Phöniker. Damit war für die Römer viel, ja alles gewonnen; indes man begriff in der Hauptstadt, wie unvorsichtig es sein würde, die Treue der Bundesgenossen auf eine solche Probe zu stellen, ohne daß ein römisches Heer das Feld hielt. Der Diktator Quintus Fabius zog die beiden in Rom gebildeten Ersatzlegionen und das Heer von Ariminum zusammen, und als Hannibal an der römischen Festung Luceria vorbei gegen Arpi marschierte, zeigten sich in seiner rechten Flanke bei Aeca die römischen Feldzeichen. Ihr Führer indes verfuhr anders als seine Vorgänger. Quintus Fabius war ein hochbejahrter Mann, von einer Bedachtsamkeit und Festigkeit, die nicht wenigen als Zauderei und Eigensinn erschien; ein eifriger Verehrer der guten alten Zeit, der politischen Allmacht des Senats und des Bürgermeisterkommandos erwartete er das Heil des Staates nächst Opfern und Gebeten von der methodischen Kriegführung. Politischer Gegner des Gaius Flaminius und durch die Reaktion gegen dessen törichte Kriegsdemagogie an die Spitze der Geschäfte gerufen, ging er ins Lager ab, ebenso fest entschlossen, um jeden Preis eine Hauptschlacht zu vermeiden, wie sein Vorgänger, um jeden Preis eine solche zu liefern, und ohne Zweifel überzeugt, daß die ersten Elemente der Strategik Hannibal verbieten würden vorzurücken, solange das römische Heer intakt ihm gegenüberstehe, und daß es also nicht schwer halten werde, die auf das Fouragieren angewiesene feindliche Armee im kleinen Gefecht zu schwächen und allmählich auszuhungern. Hannibal, wohlbedient von seinen Spionen in Rom und im römischen Heer, erfuhr den Stand der Dinge sofort und richtete wie immer seinen Feldzugsplan ein nach der Individualität des feindlichen Anführers. An dem römischen Heer vorbei marschierte er über den Apennin in das Herz von Italien nach Benevent, nahm die offene Stadt Telesia an der Grenze von Samnium und Kampanien und wandte sich von da gegen Capua, das als die bedeutendste unter allen von Rom abhängigen italischen Städten und die einzige Rom einigermaßen ebenbürtige darum den Druck des römischen Regiments schwerer als irgendeine andere empfand. Er hatte dort Verbindungen angeknüpft, die den Abfall der Kampaner vom römischen Bündnis hoffen ließen: allein diese Hoffnung schlug ihm fehl. So wieder rückwärts sich wendend schlug er die Straße nach Apulien ein. Der Diktator war während dieses ganzen Zuges der karthagischen Armee auf die Höhen gefolgt und hatte seine Soldaten zu der traurigen Rolle verurteilt, mit den Waffen in der Hand zuzusehen, wie die numidischen Reiter weit und breit die treuen Bundesgenossen plünderten und in der ganzen Ebene die Dörfer in Flammen aufgingen. Endlich eröffnete er der erbitterten römischen Armee die sehnlich herbeigewünschte Gelegenheit, an den Feind zu kommen. Wie Hannibal den Rückmarsch angetreten, sperrte ihm Fabius den Weg bei Casilinum (dem heutigen Capua), indem er auf dem linken Ufer des Volturnus diese Stadt stark besetzte und auf dem rechten die krönenden Höhen mit seiner Hauptarmee einnahm, während eine Abteilung von 4000 Mann auf der am Fluß hinführenden Straße selbst sich lagerte. Allein Hannibal hieß seine Leichtbewaffneten die Anhöhen, die unmittelbar neben der Straße sich erhoben, erklimmen und von hier aus eine Anzahl Ochsen mit angezündeten Reisbündeln auf den Hörnern vortreiben, so daß es schien, als zöge dort die karthagische Armee in nächtlicher Weile bei Fackelschein ab. Die römische Abteilung, die die Straße sperrte, sich umgangen und die fernere Deckung der Straße überflüssig wähnend, zog sich seitwärts auf dieselben Anhöhen; auf der dadurch freigewordenen Straße zog Hannibal dann mit dem Gros seiner Armee ab, ohne dem Feind zu begegnen, worauf er am anderen Morgen ohne Mühe und mit starkem Verlust für die Römer seine leichten Truppen degagierte und zurücknahm. Ungehindert setzte Hannibal darauf seinen Marsch in nordöstlicher Richtung fort und kam auf weiten Umwegen, nachdem er die Landschaften der Hirpiner, Kampaner, Samniten, Paeligner und Frentaner ohne Widerstand durchzogen und gebrandschatzt hatte, mit reicher Beute und voller Kasse wieder in der Gegend von Luceria an, als dort eben die Ernte beginnen sollte. Nirgend auf dem weiten Marsch hatte er tätigen Widerstand, aber nirgend auch Bundesgenossen gefunden. Wohl erkennend, daß ihm nichts übrig blieb, als sich auf Winterquartiere im offenen Felde einzurichten, begann er die schwierige Operation, den Winterbedarf des Heeres durch dieses selbst von den Feldern der Feinde einbringen zu lassen. Die weite, größtenteils flache nordapulische Landschaft, die Getreide und Futter im Überfluß darbot und von seiner überlegenen Reiterei gänzlich beherrscht werden konnte, hatte er hierzu sich ausersehen. Bei Gerunium, fünf deutsche Meilen nördlich von Luceria, ward ein verschanztes Lager angelegt, aus dem zwei Drittel des Heeres täglich zum Einbringen der Vorräte ausgesendet wurden, während Hannibal mit dem Rest Stellung nahm, um das Lager und die ausgesendeten Detachements zu decken. Der Reiterführer Marcus Minucius, der im römischen Lager in Abwesenheit des Diktators den Oberbefehl stellvertretend führte, hielt die Gelegenheit geeignet, um näher an den Feind heranzurücken und bezog ein Lager im larinatischen Gebiet, wo er auch teils durch seine bloße Anwesenheit die Detachierungen und dadurch die Verproviantierung des feindlichen Heeres hinderte, teils in einer Reihe glücklicher Gefechte, die seine Truppen gegen einzelne phönikische Abteilungen und sogar gegen Hannibal selbst bestanden, die Feinde aus ihren vorgeschobenen Stellungen verdrängte und sie nötigte, sich bei Gerunium zu konzentrieren. Auf die Nachricht von diesen Erfolgen, die begreiflich bei der Darstellung nicht verloren, brach in der Hauptstadt der Sturm gegen Quintus Fabius los. Er war nicht ganz ungerechtfertigt. So weise es war, sich römischerseits verteidigend zu verhalten und den Haupterfolg von dem Abschneiden der Subsistenzmittel des Feindes zu erwarten, so war es doch ein seltsames Verteidigungs- und Aushungerungssystem, das dem Feind gestattete, unter den Augen einer an Zahl gleichen römischen Armee ganz Mittelitalien ungehindert zu verwüsten und durch eine geordnete Fouragierung im größten Maßstab sich für den Winter hinreichend zu verproviantieren. So hatte Publius Scipio, als er im Potal kommandierte, die defensive Haltung nicht verstanden, und der Versuch seines Nachfolgers, ihn nachzuahmen, war bei Casilinum auf eine Weise gescheitert, die den städtischen Spottvögeln reichlichen Stoff gab. Es war bewundernswert, daß die italischen Gemeinden nicht wankten, als ihnen Hannibal die Überlegenheit der Phöniker, die Nichtigkeit der römischen Hilfe so fühlbar dartat; allein wie lange konnte man ihnen zumuten, die zwiefache Kriegslast zu ertragen und sich unter den Augen der römischen Truppen und ihrer eigenen Kontingente ausplündern zu lassen? Endlich, was das römische Heer anlangte, so konnte man nicht sagen, daß es den Feldherrn zu dieser Kriegführung nötigte; es bestand seinem Kerne nach aus den tüchtigen Legionen von Ariminum und daneben aus einberufener, größtenteils ebenfalls dienstgewohnter Landwehr, und weit entfernt, durch die letzten Niederlagen entmutigt zu sein, war es erbittert über die wenig ehrenvolle Aufgabe, die sein Feldherr, "Hannibals Lakai", ihm zuwies, und verlangte mit lauter Stimme, gegen den Feind geführt zu werden. Es kam zu den heftigsten Auftritten in den Bürgerversammlungen gegen den eigensinnigen alten Mann; seine politischen Gegner, an ihrer Spitze der gewesene Prätor Gaius Terentius Varro, bemächtigten sich des Haders - wobei man nicht vergessen darf, daß der Diktator tatsächlich vom Senat ernannt ward, und dies Amt galt als das Palladium der konservativen Partei - und setzten im Verein mit den unmutigen Soldaten und den Besitzern der geplünderten Güter den verfassungs- und sinnwidrigen Volksbeschluß durch: die Diktatur, die dazu bestimmt war, in Zeiten der Gefahr die Übelstände des geteilten Oberbefehls zu beseitigen, in gleicher Weise wie dem Quintus Fabius auch dessen bisherigem Unterfeldherrn Marcus Minucius zu erteilen 3. So wurde die römische Armee, nachdem ihre gefährliche Spaltung in zwei abgesonderte Korps eben erst zweckmäßig beseitigt worden war, nicht bloß wiederum geteilt, sondern auch an die Spitze der beiden Hälften Führer gestellt, welche offenkundig geradezu entgegengesetzte Kriegspläne befolgten. Quintus Fabius blieb natürlich mehr als je bei seinem methodischen Nichtstun; Marcus Minucius, genötigt, seinen Diktatortitel auf dem Schlachtfelde zu rechtfertigen, griff übereilt und mit geringen Streitkräften an und wäre vernichtet worden, wenn nicht hier sein Kollege durch das rechtzeitige Erscheinen eines frischen Korps größeres Unglück abgewandt hätte. Diese letzte Wendung der Dinge gab dem System des passiven Widerstandes gewissermaßen Recht. Allein in der Tat hatte Hannibal in diesem Feldzug vollständig erreicht, was mit den Waffen erreicht werden konnte: nicht eine einzige wesentliche Operation hatten weder der stürmische noch der bedächtige Gegner ihm vereitelt, und seine Verproviantierung war, wenn auch nicht ohne Schwierigkeit, doch im wesentlichen so vollständig gelungen, daß dem Heer in dem Lager bei Gerunium der Winter ohne Beschwerde vorüberging. Nicht der Zauderer hat Rom gerettet, sondern das feste Gefüge seiner Eidgenossenschaft und vielleicht nicht minder der Nationalhaß der Okzidentalen gegen den phönikischen Mann.
3 Die Inschrift des von dem neuen Diktator wegen seines Sieges bei Gerunium dem Hercules Sieger errichteten Weihgeschenkes: Hercolei sacrom M. Minuci(us) C. f. dictator vovit ist im Jahre 1862 in Rom bei S. Lorenzo aufgefunden worden.
Trotz aller Unfälle stand der römische Stolz nicht minder aufrecht als die römische Symmachie. Die Geschenke, welche der König Hieron von Syrakus und die griechischen Städte in Italien für den nächsten Feldzug anboten - die letzteren traf der Krieg minder schwer als die übrigen italischen Bundesgenossen Roms, da sie nicht zum Landheer stellten -, wurden mit Dank abgelehnt; den illyrischen Häuptlingen zeigte man an, daß sie nicht säumen möchten mit Entrichtung des Tributs; ja man beschickte den König von Makedonien abermals um die Auslieferung des Demetrios von Pharos. Die Majorität des Senats war trotz der Quasilegitimation, welche die letzten Ereignisse dem Zaudersystem des Fabius gegeben hatten, doch fest entschlossen, von dieser den Staat zwar langsam, aber sicher zugrunde richtenden Kriegführung abzugehen; wenn der Volksdiktator mit seiner energischeren Kriegführung gescheitert war, so schob man, und nicht mit Unrecht, die Ursache darauf, daß man eine halbe Maßregel getroffen und ihm zu wenig Truppen gegeben habe. Diesen Fehler beschloß man zu vermeiden und ein Heer aufzustellen, wie Rom noch keines ausgesandt hatte: acht Legionen, jede um ein Fünftel über die Normalzahl verstärkt, und die entsprechende Anzahl Bundesgenossen, genug, um den nicht halb so starken Gegner zu erdrücken. Außerdem ward eine Legion unter dem Prätor Lucius Postumius nach dem Potal bestimmt, um womöglich die in Hannibals Heer dienenden Kelten nach der Heimat zurückzuziehen. Diese Beschlüsse waren verständig; es kam nur darauf an, auch über den Oberbefehl angemessen zu bestimmen. Das starre Auftreten des Quintus Fabius und die daran sich anspinnenden demagogischen Hetzereien hatten die Diktatur und überhaupt den Senat unpopulärer gemacht als je; im Volke ging, wohl nicht ohne Schuld seiner Führer, die törichte Rede, daß der Senat den Krieg absichtlich in die Länge ziehe. Da also an die Ernennung eines Diktators nicht zu denken war, versuchte der Senat die Wahl der Konsuln angemessen zu leiten, was indes den Verdacht und den Eigensinn erst recht rege machte. Mit Mühe brachte der Senat den einen seiner Kandidaten durch, den Lucius Aemilius Paullus, der im Jahre 535 (219) den Illyrischen Krieg verständig geführt hatte; die ungeheure Majorität der Bürger gab ihm zum Kollegen den Kandidaten der Volkspartei Gaius Terentius Varro, einen unfähigen Mann, der nur durch seine verbissene Opposition gegen den Senat und namentlich als Haupturheber der Wahl des Marcus Minucius zum Mitdiktator bekannt war, und den nichts der Menge empfahl als seine niedrige Geburt und seine rohe Unverschämtheit.
Während diese Vorbereitungen zu dem nächsten Feldzug in Rom getroffen wurden, hatte der Krieg bereits in Apulien wieder begonnen. Sowie die Jahreszeit es gestattete, die Winterquartiere zu verlassen, brach Hannibal, wie immer den Krieg bestimmend und die Offensive für sich nehmend, von Gerunium in der Richtung nach Süden auf, überschritt an Luceria vorbeimarschierend den Aufidus und nahm das Kastell von Cannae (zwischen Canosa und Barletta), das die canusinische Ebene beherrschte und den Römern bis dahin als Hauptmagazin gedient hatte. Die römische Armee, welche, nachdem Fabius in der Mitte des Herbstes verfassungsmäßig seine Diktatur niedergelegt hatte, jetzt von Gnaeus Servilius und Marcus Regulus zuerst als Konsuln; dann als Prokonsuln kommandiert wurde, hatte den empfindlichen Verlust nicht abzuwenden gewußt; aus militärischen wie aus politischen Rücksichten ward es immer notwendiger, den Fortschritten Hannibals durch eine Feldschlacht zu begegnen. Mit diesem bestimmten Auftrag des Senats trafen denn auch die beiden neuen Oberbefehlshaber Paullus und Varro im Anfang des Sommers 538 (216) in Apulien ein. Mit den vier neuen Legionen und dem entsprechenden Kontingent der Italiker, die sie heranführten, stieg die römische Armee auf 80000 Mann zu Fuß, halb Bürger, halb Bundesgenossen, und 6000 Reiter, wovon ein Drittel Bürger, zwei Drittel Bundesgenossen waren; wogegen Hannibals Armee zwar 10000 Reiter, aber nur etwa 40000 Mann zu Fuß zählte. Hannibal wünschte nichts mehr als eine Schlacht, nicht bloß aus den allgemeinen, früher erörterten Gründen, sondern auch besonders deshalb, weil das weite apulische Blachfeld ihm gestattete, die ganze Überlegenheit seiner Reiterei zu entwickeln und weil die Verpflegung seiner zahlreichen Armee, hart an dem doppelt so starken und auf eine Reihe von Festungen gestützten Feind, trotz seiner überlegenen Reiterei sehr bald ungemein schwierig zu werden drohte. Auch die Führer der römischen Streitmacht waren, wie gesagt, im allgemeinen entschlossen zu schlagen und näherten in dieser Absicht sich dem Feinde; allein die einsichtigeren unter ihnen erkannten Hannibals Lage und beabsichtigten daher, zunächst zu warten und nur nahe am Feinde sich aufzustellen, um ihn zum Abzug und zur Annahme der Schlacht auf einem ihm minder günstigen Terrain zu nötigen. Hannibal lagerte bei Cannae am rechten Ufer des Aufidus. Paullus schlug sein Lager an beiden Ufern des Flusses auf, so daß die Hauptmacht am linken Ufer zu stehen kam, ein starkes Korps aber am rechten unmittelbar dem Feind gegenüber Stellung nahm, um ihm die Zufuhren zu erschweren, vielleicht auch Cannae zu bedrohen. Hannibal, dem alles daran lag, bald zum Schlagen zu kommen, überschritt mit dem Gros seiner Truppen den Strom und bot auf dem linken Ufer die Schlacht an, die Paullus nicht annahm. Allein dem demokratischen Konsul mißfiel dergleichen militärische Pedanterie; es war so viel davon geredet worden, daß man ausziehe, nicht um Posten zu stehen, sondern um die Schwerter zu gebrauchen; er befahl, auf den Feind zu gehen, wo und wie man ihn eben fand. Nach der alten törichterweise beibehaltenen Sitte wechselte die entscheidende Stimme im Kriegsrat zwischen dem Oberfeldherren Tag um Tag; man mußte also am folgenden Tage sich fügen und dem Helden von der Gasse seinen Willen tun. Auf dem linken Ufer, wo das weite Blachfeld der überlegenen Reiterei des Feindes vollen Spielraum bot, wollte allerdings auch er nicht schlagen; aber er beschloß, die gesamten römischen Streitkräfte auf dem rechten zu vereinigen und hier, zwischen den karthagischen Lager und Cannae Stellung nehmend und dieses ernstlich bedrohend, die Schlacht anzubieten. Eine Abteilung von 10000 Mann blieb in dem römischen Hauptlager zurück mit dem Auftrag, das karthagische während des Gefechts wegzunehmen und damit dem feindlichen Heere den Rückzug über den Fluß abzuschneiden; das Gros der römischen Armee überschritt mit dem grauenden Morgen des 2. August nach dem unberichtigten, etwa im Juni nach dem richtigen Kalender, den in dieser Jahreszeit seichten und die Bewegungen der Truppen nicht wesentlich hindernden Fluß und stellte bei dem kleineren römischen Lager westlich von Cannae sich in Linie auf. Die karthagische Armee folgte und überschritt gleichfalls den Strom, an den der rechte römische wie der linke karthagische Flügel sich lehnten. Die römische Reiterei stand auf den Flügeln, die schwächere der Bürgerwehr auf dem rechten am Fluß, geführt von Paullus, die stärkere bundesgenössische auf dem linken gegen die Ebene, geführt von Varro. Im Mitteltreffen stand das Fußvolk in ungewöhnlich tiefen Gliedern unter dem Befehl des Konsuls des Vorjahrs, Gnaeus Servilius. Diesem gegenüber ordnete Hannibal sein Fußvolk in halbmondförmiger Stellung, so daß die keltischen und iberischen Truppen in ihrer nationalen Rüstung die vorgeschobene Mitte, die römisch gerüsteten Libyer auf beiden Seiten die zurückgenommenen Flügel bildeten. An der Flußseite stellte die gesamte schwere Reiterei unter Hasdrubal sich auf, an der Seite nach der Ebene hinaus die leichten numidischen Reiter. Nach kurzem Vorpostengefecht der leichten Truppen war bald die ganze Linie im Gefecht. Wo die leichte Reiterei der Karthager gegen Varros schwere Kavallerie focht, zog das Gefecht unter stetigen Chargen der Numidier ohne Entscheidung sich hin. Dagegen im Mitteltreffen warfen die Legionen die ihnen zuerst begegnenden spanischen und gallischen Truppen vollständig; eilig drängten die Sieger nach und verfolgten ihren Vorteil. Allein mittlerweile hatte auf dem rechten Flügel das Glück sich gegen die Römer gewandt. Hannibal hatte den linken Reiterflügel der Feinde bloß beschäftigen lassen, um Hasdrubal mit der ganzen regulären Reiterei gegen den schwächeren rechten zu verwenden und diesen zuerst zu werfen. Nach tapferer Gegenwehr wichen die römischen Reiter und was nicht niedergehauen ward, wurde den Fluß hinaufgejagt und in die Ebene versprengt; verwundert ritt Paullus zu dem Mitteltreffen, das Schicksal der Legionen zu wenden oder doch zu teilen. Diese hatten, um den Sieg über die vorgeschobene feindliche Infanterie besser zu verfolgen, ihre Frontstellung in eine Angriffskolonne verwandelt, die keilförmig eindrang in das feindliche Zentrum. In dieser Stellung wurden sie von dem rechts und links einschwenkenden libyschen Fußvolk von beiden Seiten heftig angegriffen und ein Teil von ihnen gezwungen, Halt zu machen, um gegen die Flankenangriffe sich zu verteidigen, wodurch das Vorrücken ins Stocken kam und die ohnehin schon übermäßig dicht gereihte Infanteriemasse nun gar nicht mehr Raum fand, sich zu entwickeln. Inzwischen hatte Hasdrubal, nachdem er mit dem Flügel des Paullus fertig war, seine Reiter aufs neue gesammelt und geordnet und sie hinter dem feindlichen Mitteltreffen weg gegen den Flügel des Varro geführt. Dessen italische Reiterei, schon mit den Numidiern hinreichend beschäftigt, stob vor dem doppelten Angriff schnell auseinander. Hasdrubal, die Verfolgung der Flüchtigen den Numidiern überlassend, ordnete zum drittenmal seine Schwadronen, um sie dem römischen Fußvolk in den Rücken zu führen. Dieser letzte Stoß entschied. Flucht war nicht möglich und Quartier ward nicht gegeben; es ist vielleicht nie ein Heer von dieser Größe so vollständig und mit so geringem Verlust des Gegners auf dem Schlachtfeld selbst vernichtet worden wie das römische bei Cannae. Hannibal hatte nicht ganz 6000 Mann eingebüßt, wovon zwei Drittel auf die Kelten kamen, die der erste Stoß der Legionen traf. Dagegen von den 76000 Römern, die in der Schlachtlinie gestanden hatten, deckten 70000 das Feld, darunter der Konsul Lucius Paullus, der Altkonsul Gnaeus Servilius, zwei Drittel der Stabsoffiziere, achtzig Männer senatorischen Ranges. Nur den Konsul Marcus Varro rettete sein rascher Entschluß und sein gutes Pferd nach Venusia, und er ertrug es zu leben. Auch die Besatzung des römischen Lagers, 10000 Mann stark, ward größtenteils kriegsgefangen; nur einige tausend Mann, teils aus diesen Truppen, teils aus der Linie, entkamen nach Canusium. Ja als sollte in diesem Jahre durchaus mit Rom ein Ende gemacht werden, fiel noch vor Ablauf desselben die nach Gallien gesandte Legion in einen Hinterhalt und wurde mit ihrem Feldherrn Lucius Postumius, dem für das nächste Jahr ernannten Konsul, von den Galliern gänzlich vernichtet.
Dieser beispiellose Erfolg schien nun endlich die große politische Kombination zu reifen, um derentwillen Hannibal nach Italien gegangen war. Er hatte seinen Plan wohl zunächst auf sein Heer gebaut; allein in richtiger Erkenntnis der ihm entgegenstehenden Macht sollte dies in seinem Sinn nur die Vorhut sein, mit der die Kräfte des Westens und Ostens allmählich sich vereinigen würden, um der stolzen Stadt den Untergang zu bereiten. Zwar diejenige Unterstützung, die die gesichertste schien, die Nachsendungen von Spanien her, hatte das kühne und feste Auftreten des dorthin gesandten römischen Feldherrn Gnaeus Scipio ihm vereitelt. Nach Hannibals Übergang über die Rhone war dieser nach Emporiae gesegelt und hatte sich zuerst der Küste zwischen den Pyrenäen und dem Ebro, dann nach Besiegung des Hanno auch des Binnenlandes bemächtigt (536 218). Er hatte im folgenden Jahr (537 217) die karthagische Flotte an der Ebromündung völlig geschlagen, hatte, nachdem sein Bruder Publius, der tapfere Verteidiger des Potals, mit Verstärkung von 8000 Mann zu ihm gestoßen war, sogar den Ebro überschritten und war vorgedrungen bis gegen Sagunt. Zwar hatte Hasdrubal das Jahr darauf (538 216), nachdem er aus Afrika Verstärkungen erhalten, den Versuch gemacht, den Befehl seines Bruders gemäß eine Armee über die Pyrenäen zu führen; allein die Scipionen verlegten ihm den Übergang über den Ebro und schlugen ihn vollständig, etwa um dieselbe Zeit, wo in Italien Hannibal bei Cannae siegte. Die mächtige Völkerschaft der Keltiberer und zahlreiche andere spanische Stämme hatten den Scipionen sich zugewandt; diese beherrschten das Meer und die Pyrenäenpässe und durch die zuverlässigen Massalioten auch die gallische Küste. So war von Spanien aus für Hannibal jetzt weniger als je Unterstützung zu erwarten.
Von Karthago war bisher zur Unterstützung des Feldherrn in Italien so viel geschehen, wie man erwarten konnte: phönikische Geschwader bedrohten die Küsten Italiens und der römischen Inseln und hüteten Afrika vor einer römischen Landung, und dabei blieb es. Ernstlicheren Beistand verhinderte nicht sowohl die Ungewißheit, wo Hannibal zu finden sei, und der Mangel eines Landeplatzes in Italien, als die langjährige Gewohnheit, daß das spanische Heer sich selbst genüge, vor allem aber die grollende Friedenspartei. Hannibal empfand schwer die Folgen dieser unverzeihlichen Untätigkeit; trotz allen Sparens des Geldes und der mitgebrachten Soldaten wurden seine Kassen allmählich leer, der Sold kam in Rückstand und die Reihen seiner Veteranen fingen an sich zu lichten. Jetzt aber brachte die Siegesbotschaft von Cannae selbst die faktiöse Opposition daheim zum Schweigen. Der karthagische Senat beschloß dem Feldherrn beträchtliche Unterstützungen an Geld und Mannschaft, teils aus Afrika, teils aus Spanien, unter anderm 4000 numidische Reiter und 40 Elefanten zur Verfügung zu stellen und in Spanien wie in Italien den Krieg energisch zu betreiben.
Die längstbesprochene Offensivallianz zwischen Karthago und Makedonien war anfangs durch Antigonos' plötzlichen Tod, dann durch seines Nachfolgers Philippos Unentschlossenheit und dessen und seiner hellenischen Bundesgenossen unzeitigen Krieg gegen die Ätoler (534-537 220-217) verzögert worden. Erst jetzt, nach der Cannensischen Schlacht, fand Demetrios von Pharos Gehör bei Philippos mit dem Antrag, seine illyrischen Besitzungen an Makedonien abzutreten - sie maßten freilich erst den Römern entrissen werden -, und erst jetzt schloß der Hof von Pella ab mit Karthago. Makedonien übernahm es, eine Landungsarmee an die italische Ostküste zu werfen, wogegen ihm die Rückgabe der römischen Besitzungen in Epeiros zugesichert ward.
In Sizilien hatte König Hieron zwar während der Friedensjahre, soweit es mit Sicherheit geschehen konnte, eine Neutralitätspolitik eingehalten, und auch den Karthagern während der gefährlichen Krisen nach dem Frieden mit Rom namentlich durch Kornsendungen sich gefällig erwiesen. Es ist kein Zweifel, daß er den abermaligen Bruch zwischen Karthago und Rom höchst ungern sah; aber ihn abzuwenden vermochte er nicht, und als er eintrat, hielt er mit wohlberechneter Treue fest an Rom. Allein bald darauf (Herbst 538 216) rief der Tod den alten Mann nach vierundfünfzigjähriger Regierung ab. Der Enkel und Nachfolger des klugen Greises, der junge unfähige Hieronymus, ließ sich sogleich mit den karthagischen Diplomaten ein; und da diese keine Schwierigkeit machten, ihm zuerst Sizilien bis an die alte karthagisch-sizilische Grenze, dann sogar, da sein Übermut stieg, den Besitz der ganzen Insel vertragsmäßig zuzusichern, trat er in Bündnis mit Karthago und ließ mit der karthagischen Flotte, die gekommen war, um Syrakus zu bedrohen, die syrakusanische sich vereinigen. Die Lage der römischen Flotte bei Lilybäon, die schon mit dem zweiten, bei den ägatischen Inseln postierten karthagischen Geschwader zu tun gehabt hatte, ward auf einmal sehr bedenklich, während zugleich die in Rom zur Einschiffung nach Sizilien bereitstehende Mannschaft infolge der Cannensischen Niederlage für andere und dringendere Erfordernisse verwendet werden mußte.
Was aber vor allem entscheidend war, jetzt endlich begann das Gebäude der römischen Eidgenossenschaft aus den Fugen zu weichen, nachdem es die Stöße zweier schwerer Kriegsjahre unerschüttert überstanden hatte. Es traten auf Hannibals Seite Arpi in Apulien und Uzentum in Messapien, zwei alte, durch die römischen Kolonien Luceria und Brundisium schwer beeinträchtigte Städte; die sämtlichen Städte der Brettier - diese zuerst von allen - mit Ausnahme der Peteliner und der Consentiner, die erst belagert werden mußten; die Lucaner größtenteils; die in die Gegend von Salernum verpflanzten Picenter; die Hirpiner; die Samniten mit Ausnahme der Pentrer; endlich und vornehmlich Capua, die zweite Stadt Italiens, die 30000 Mann zu Fuß und 4000 Berittene ins Feld zu stellen vermochte und deren Übertritt den der Nachbarstädte Atella und Calatia entschied. Freilich widersetzte sich die vielfach an das römische Interesse gefesselte Adelspartei überall und namentlich in Capua dem Parteiwechsel sehr ernstlich, und die hartnäckigen inneren Kämpfe, die hierüber entstanden, minderten nicht wenig den Vorteil, den Hannibal von diesen Übertritten zog. Er sah sich zum Beispiel genötigt, in Capua einen der Führer der Adelspartei, den Decius Magius, der noch nach dem Einrücken der Phöniker hartnäckig das römische Bündnis verfocht, festnehmen und nach Karthago abführen zu lassen, um so den ihm selbst sehr ungelegenen Beweis zu liefern, was es auf sich habe mit der von dem karthagischen Feldherrn soeben den Kampanern feierlich zugesicherten Freiheit und Souveränität. Dagegen hielten die süditalischen Griechen fest am römischen Bündnis, wobei die römischen Besatzungen freilich auch das Ihrige taten, aber mehr noch der sehr entschiedene Widerwille der Hellenen gegen die Phöniker selbst und deren neue lucanische und brettische Bundesgenossen, und ihre Anhänglichkeit an Rom, das jede Gelegenheit, seinen Hellenismus zu betätigen, eifrig benutzt und gegen die Griechen in Italien eine ungewohnte Milde gezeigt hatte. So widerstanden die kampanischen Griechen, namentlich Neapel, mutig Hannibals eigenem Angriff; dasselbe taten in Großgriechenland trotz ihrer sehr gefährdeten Stellung Rhegion, Thurii, Metapont und Tarent. Kroton und Lokri dagegen wurden von den vereinigten Brettiern und Phönikern teils erstürmt, teils zur Kapitulation gezwungen und die Krotoniaten nach Lokri geführt, worauf brettische Kolonisten jene wichtige Seestation besetzten. Daß die süditalischen Latiner, wie Brundisium, Venusia, Paestum, Cosa, Cales, unerschüttert mit Rom hielten, versteht sich von selbst. Waren sie doch die Zwingburgen der Eroberer im fremden Land, angesiedelt auf dem Acker der Umwohner, mit ihren Nachbarn verfehdet; traf es doch sie zunächst, wenn Hannibal sein Wort wahr machte und jeder italischen Gemeinde die alten Grenzen zurückgab. In gleicher Weise gilt dies von ganz Mittelitalien, dem. ältesten Sitz der römischen Herrschaft, wo latinische Sitte und Sprache schon überall vorwog und man sich als Genosse der Herrscher, nicht als Untertan fühlte. Hannibals Gegner im karthagischen Senat unterließen nicht, daran zu erinnern, daß nicht ein römischer Bürger, nicht eine latinische Gemeinde sich Karthago in die Arme geworfen habe. Dieses Grundwerk der römischen Macht konnte gleich der kyklopischen Mauer nur Stein um Stein zertrümmert werden.
Das waren die Folgen des Tages von Cannae, an dem die Blüte der Soldaten und Offiziere der Eidgenossenschaft, ein Siebentel der gesamten Zahl der kampffähigen Italiker zugrunde ging. Es war eine grausame, aber gerechte Strafe der schweren politischen Versündigungen, die sich nicht etwa bloß einzelne törichte oder elende Männer, sondern die römische Bürgerschaft selbst hatte zu Schulden kommen lassen. Die für die kleine Landstadt zugeschnittene Verfassung paßte der Großmacht nirgend mehr; es war eben nicht möglich, über die Frage, wer die Heere der Stadt in einem solchen Kriege führen solle, Jahr für Jahr die Pandorabüchse des Stimmkastens entscheiden zu lassen. Da eine gründliche Verfassungsrevision, wenn sie überhaupt ausführbar war, jetzt wenigstens nicht begonnen werden durfte, so hätte zunächst der einzigen Behörde, die dazu imstande war, dem Senat die tatsächliche Oberleitung des Krieges und namentlich die Vergebung und Verlängerung des Kommandos überlassen werden und den Komitien nur die formelle Bestätigung verbleiben sollen. Die glänzenden Erfolge der Scipionen auf dem schwierigen spanischen Kriegsschauplatz zeigten, was auf diesem Wege sich erreichen ließ. Allein die politische Demagogie, die bereits an dem aristokratischen Grundbau der Verfassung nagte, hatte sich der italischen Kriegführung bemächtigt; die unvernünftige Beschuldigung, daß die Vornehmen mit dem auswärtigen Feinde konspirierten, hatte auf das "Volk" Eindruck gemacht. Die Heilande des politischen Köhlerglaubens, die Gaius Flaminius und Gaius Varro, beide "neue Männer" und Volksfreunde vom reinsten Wasser, waren demnach zur Ausführung ihrer unter dem Beifall der Menge auf dem Markt entwickelten Operationspläne von eben dieser Menge beauftragt worden, und die Ergebnisse waren die Schlachten am Trasimenischen See und bei Cannae. Daß der Senat, der begreiflicherweise seine Aufgabe jetzt besser faßte, als da er des Regulus halbe Armee aus Afrika zurückberief, die Leitung der Angelegenheiten für sich begehrte und jenem Unwesen sich widersetzte, war pflichtgemäß; allein auch er hatte, als die erste jener beiden Niederlagen ihm für den Augenblick das Ruder in die Hand gab, gleichfalls nicht unbefangen von Parteiinteressen gehandelt. So wenig Quintus Fabius mit jenen römischen Kleonen verglichen werden darf, so hatte doch auch er den Krieg nicht bloß als Militär geführt, sondern seine starre Defensive vor allem als politischer Gegner des Gaius Flaminius festgehalten und in der Behandlung des Zerwürfnisses mit seinem Unterfeldherrn getan, was an ihm lag, um in einer Zeit, die Einigkeit forderte, zu erbittern. Die Folge war erstlich, daß das wichtigste Instrument, das eben für solche Fälle die Weisheit der Vorfahren dem Senat in die Hand gegeben hatte, die Diktatur ihm unter den Händen zerbrach; und zweitens mittelbar wenigstens die Cannensische Schlacht. Den jähen Sturz der römischen Macht verschuldeten aber weder Quintus Fabius noch Gaius Varro, sondern das Mißtrauen zwischen dem Regiment und den Regierten, die Spaltung zwischen Rat und Bürgerschaft. Wenn noch Rettung und Wiedererhebung des Staates möglich war, mußte sie daheim beginnen mit Wiederherstellung der Einigkeit und des Vertrauens. Dies begriffen und, was schwerer wiegt, dies getan zu haben, getan mit Unterdrückung aller an sich gerechten Rekriminationen, ist die herrliche und unvergängliche Ehre des römischen Senats. Als Varro - allein von allen Generalen, die in der Schlacht kommandiert hatten - nach Rom zurückkehrte, und die römischen Senatoren bis an das Tor ihm entgegengingen und ihm dankten, daß er an der Rettung des Vaterlandes nicht verzweifelt habe, waren dies weder leere Reden, um mit großen Worten das Unheil zu verhüllen, noch bitterer Spott über einen Armseligen; es war der Friedensschluß zwischen dem Regiment und den Regierten. Vor dem Ernst der Zeit und dem Ernst eines solchen Aufrufs verstummte das demagogische Geklatsch; fortan gedachte man in Rom nur, wie man gemeinsam die Not zu wenden vermöge. Quintus Fabius, dessen zäher Mut in diesem entscheidenden Augenblick dem Staat mehr genützt hat als all seine Kriegstaten, und die anderen angesehenen Senatoren gingen dabei in allem voran und gaben den Bürgern das Vertrauen auf sich und auf die Zukunft zurück. Der Senat bewahrte seine feste und strenge Haltung, während die Boten von allen Seiten nach Rom eilten, um die verlorenen Schlachten, den Übertritt der Bundesgenossen, die Aufhebung von Posten und Magazinen zu berichten, um Verstärkung zu begehren für das Potal und für Sizilien, da doch Italien preisgegeben und Rom selbst fast unbesetzt war. Das Zusammenströmen der Menge an den Toren ward untersagt, die Gaffer und die Weiber in die Häuser gewiesen, die Trauerzeit um die Gefallenen auf dreißig Tage beschränkt, damit der Dienst der freudigen Götter, von dem das Trauergewand ausschloß, nicht allzulange unterbrochen werde - denn so groß war die Zahl der Gefallenen, daß fast in keiner Familie die Totenklage fehlte. Was vom Schlachtfeld sich gerettet hatte, war indes durch zwei tüchtige Kriegstribune, Appius Claudius und Publius Scipio den Sohn, in Canusium gesammelt worden; der letztere verstand es, durch seine stolze Begeisterung und durch die drohend erhobenen Schwerter seiner Getreuen, diejenigen vornehmen jungen Herren auf andere Gedanken zu bringen, die in bequemer Verzweiflung an die Rettung des Vaterlandes über das Meer zu entweichen gedachten. Zu ihnen begab sich mit einer Handvoll Leute der Konsul Gaius Varro; allmählich fanden sich dort etwa zwei Legionen zusammen, die der Senat zu reorganisieren und zu schimpflichem und unbesoldetem Kriegsdienst zu degradieren befahl. Der unfähige Feldherr ward unter einem schicklichen Vorwand nach Rom zurückberufen; der in den gallischen Kriegen erprobte Prätor Marcus Claudius Marcellus, der bestimmt gewesen war, mit der Flotte von Ostia nach Sizilien abzugehen, übernahm den Oberbefehl. Die äußersten Kräfte wurden angestrengt, um eine kampffähige Armee zu organisieren. Die Latiner wurden beschickt um Hilfe in der gemeinschaftlichen Gefahr; Rom selbst ging mit dem Beispiel voran und rief die ganze Mannschaft bis ins Knabenalter unter die Waffen, bewaffnete die Schuldknechte und die Verbrecher, ja stellte sogar achttausend vom Staate angekaufte Sklaven in das Heer ein. Da es an Waffen fehlte, nahm man die alten Beutestücke aus den Tempeln und setzte Fabriken und Gewerbe überall in Tätigkeit. Der Senat ward ergänzt - nicht, wie ängstliche Patrioten forderten, aus den Latinern, sondern aus den nächstberechtigten römischen Bürgern. Hannibal bot die Lösung der Gefangenen auf Kosten des römischen Staatsschatzes an; man lehnte sie ab und ließ den mit der Abordnung der Gefangenen angelangten karthagischen Boten nicht in die Stadt; es durfte nicht scheinen, als denke der Senat an Frieden. Nicht bloß die Bundesgenossen sollten nicht glauben, daß Rom sich anschicke zu transigieren, sondern es mußte auch dem letzten Bürger begreiflich gemacht werden, daß für ihn wie für alle es keinen Frieden gebe und Rettung nur im Siege sei.