Der Anti-Intellektualismus der „rechten“ Ideologie lässt sich in einem Satz Joseph Goebbels’ zusammenfassen: „Das Wunder eines Volkes liegt nie im Hirn, immer im Blut.“ Gegner dieses Grundsatzes, die für den Primat des Verstandes kämpften, bezeichnete er als „Todfeinde“ des Nationalsozialismus, deren Denken als „abstrakt“ und „theoretisch“ beschrieben wird. Aus nationalsozialistischer Sicht ergibt sich daraus eine wichtige Konsequenz: Auf dem Gebiet der Kunst, wo der Verstand am wenigsten ausrichten kann, muss „der Intellektuelle“ versagen, denn abstraktes und kreatives Denken schließen einander aus.
Viel schwerwiegender als dieser Mangel ist aber ein Unvermögen, dass sich aus der Analyse des positiven Gegentyps zum Intellektuellen ableitet. Alles, was diesem rühmend zugesprochen wird, erscheint beim „Intellektuellen“ als ebenso standardisierter Mangel. Im Zentrum dieses Gegentyps steht der „Instinkt“ als die dem „Intellekt“ entgegengesetzte positive Eigenschaft, die die „Tat“ schon 1918/19 einen „Wertmesser der Kultur“ nannte. Folglich sind Intellektuelle „in ihrem Instinktleben verkümmerte Gelehrte und Literaten“. Für die Nationalsozialisten ist der Instinktmangel der Intellektuellen gängiges Schema, das sich entfalten lässt in einen Mangel an „Kraft“, „Mut“, „Glaubensfähigkeit“, „Vertrauen“, „Herz“.
Als Kennwörter taugen alle diese Ausdrücke nicht, weil sie entweder nicht oft genug erscheinen oder zu allgemein sind. Instinkt bzw. Instinktlosigkeit wäre ein Kandidat, aber der Gegensatz von Intellekt und Instinkt wird nicht konsequent durchgehalten (auch Juden wird ein Instinkt zugesprochen). Dagegen wurde immer wieder der Gegensatz des Verstandes zum Charakter betont. Im Charakter fallen alle positiven Eigenschaften des Instinkts (Tat- und Glaubenskraft, Mut, Treue usw.) zusammen. Goebbels, auf diesen Gegensatz geradezu fixiert, schrieb in seinem Roman „Michael“: „Der Intellekt ist eine Gefahr für die Bildung des Charakters“. Der Nationalsozialismus konnte sich natürlich nicht auf ein Zuordnungsschema einlassen, dass nur seinen Gegnern Intelligenz und Kenntnisse zubilligte. Als neuer positiver Terminus für die „guten“ Verstandeskräfte wurde deshalb der „gesunde Menschenverstand“ eingeführt, der seinerseits auf dem rassischen Instinkt beruht. Für die typen-konstituierenden Eigenschaft „abstrakt/theoretisch“ wurden weitere Kennwörter benutzt, bei denen die äußerst negative Bewertung die objektive Benennung vollkommen überdeckte: kalt und blutleer. Diese biologischen Metaphern haben gegenüber „abstrakt/theoretisch“ den unschätzbaren Vorteil, dass sie sich mit anderen Ausdrücken („tot“, „steril“, „unfruchtbar“) zu stringenten Systemen zusammenfassen lassen und auf den lebendigen, den organisch fühlenden Menschen als Gegentyp zum Intellektuellen verweisen.