5.2. Wandlungen nach 1780

Nach 1780 entstanden zwei Gegenbewegungen zu dieser Kritik. Zum einen kam es zu einer demographischen Krise und einem Aussterben vieler Adelsfamilien zwischen 1770 und 1800 aufgrund späterer Heirat und geringerer Geburtenrate innerhalb des Adels. In der Folge ging ein Drittel aller Titel und Landsitze in allen Teilen des Königreiches (England, Schottland, Wales und Irland) an Verwandte, nur selten wurden Landsitze verkauft. Dadurch wuchs die Elite stärker zusammen und die Verknüpfung zwischen den Landesteilen wurde enger. Es kam zu einer Orientierung nach London: Der schottische Adelige Francis Mackenzie beispielsweise erhielt zu seinem eigenen Land in den Highlands den Titel eines Lord of Seaforth und Landbesitz in Lincolnshire. Sein gestiegenes Einkommen investierte er in eine Renovierung seiner heimatlichen Landhäuser im englischen Stil und zwei neue Stadthäuser in London. Einen aktiveren Weg in die englische Politik ging Robert Stewart, ein irischer Landadeliger, der durch eine erste Ehe zu Geld kam und in zweiter Ehe die Tochter des Earl of Camden heiratete. Der Earl besorgte ihm eine irische Peerage, den Titel eines Earl und den eines Marquis of Londonderry, seine Söhne bekamen Posten als Botschafter und Außenminister. Aber nicht nur die Übertragung von Besitztümern sorgte für wachsenden Reichtum im Adel, auch die in den Kriegen steigenden Brot- und Getreidepreise bescherten den Grundbesitzern höhere Pachtzinsen. Teilweise stiegen die Einkünfte innerhalb weniger Jahre um 100%.

Die größere Homogenität und der noch größere Reichtum brachten allerdings noch keine Verbesserung des adeligen Images. Viel wichtiger war, daß sich eine neue Pose durchsetzte, wenn sie auch nicht bewußt als Reaktion auf die Kritik inszeniert wurde: Der Adelige gab sich nun als hart arbeitender Patriot. Der Anlaß waren die Kriege, besonders der Krieg gegen das revolutionäre Frankreich. Natürlich sorgten sich die englischen Eliten angesichts der französischen Zustände um den Erhalt ihrer Privilegien und setzten sich schon aus Eigeninteresse als Politiker und Militärs für Englands Sieg ein. Viele von ihnen (wie der 47jährig gestorbene William Pitt d.J.) rieben sich tatsächlich im Dienst am Vaterland auf, andere brachten sich um und wurden geisteskrank. Die Informationen über diese Vorfälle setzten den Adel in ein völlig neues Licht. Auch der Aufbau der public schools in Eaton, Westminster, Winchester und Harrow, in denen junge Adelige angehalten wurden, den antiken Helden nachzueifern, trugen zu einer deutlichen Imageverbesserung bei. Die Disziplin und das Zusammengehörigkeitsgefühl der Absolventen der Schulen, die Betonung von Sport und Wettkampf rief 1803 bei der Times Bewunderung für „unsere junge Aristokratie“ hervor.

Auch auf einem Nebenschauplatz wie der Jagd profilierten sich Adelige nun als uneigennützige Helfer. Statt (wie bisher) eßbares Wild zu jagen, verlegte man sich auf die Fuchsjagd mit dem Ziel, diese „Schädlinge“ von den Hühnern der Pächter fernzuhalten. Auch erhöhte man die Zahl der Jagden drastisch, was sowohl der Ausbildung junger Adeliger im Reiten und Schießen diente als auch eine willkommene Gelegenheit war, seinen Reichtum mit teuren Pferden, kostbarem Reitzeug und großen Hundemeuten zu zeigen. Die Gefährlichkeit einer wilden Jagd durchs Unterholz demonstrierte zusätzlich Mut und Reitkunst. Sogar das zuvor verschmähte Sammeln von Kunstwerken erhielt einen patriotischen Anstrich: Indem Adelige ihre kostbaren Stücke leihweise öffentlichen Ausstellungen zur Verfügung stellten, fanden diese Eingang in den Kreis des nationalen Kunsterbes und ihr Erwerb wurde nachträglich zu einer patriotischen Tat.

Natürlich nahm in Kriegszeiten auch die militärische Heldenverehrung sprunghaft zu. Die Uniformen (sogar Georg III. entwarf selbst neue Schnitte) waren äußerst figurbetont und unterstützten die Attraktivität ihrer Träger. Neben der Repräsentation übernahmen viele Adelige auch echte Funktionen als Offiziere im Krieg. Ihr Tod wurde, wie der des Generals Wolfe in Amerika, stark idealisiert. In Gemälden nahmen die Helden antike Posen ein, trugen aber zeitgenössische Uniformen (allerdings wurde General Nelson 1805 schon sclichter in einem weißen Totengewand dargestellt). Viele verdiente Offiziere stiegen in die höchsten Adelsränge auf, der Duke of Wellington war als Sohn eines einfachen Landadeligen in die Armee eingetreten.

Viele Verhaltensweisen des Adels wie der Postenschacher blieben natürlich unverändert. Aber der Wunsch, respektiert zu werden, führte allgemein zu größerer Diskretion, Mätressen und Affären wurden geheim gehalten. Mit dem zunehmenden Interesse junger Adeliger für die Politik setzte sich dieser Stil auch im Parlament durch.