Zwei Dokumente zeigen leiten den historischen Teil ein. Edwin Hörnles programmatischer Aufsatz „Die kommunistische Partei und die Intellektuellen“ von 1919 beklagt die kapitalistische Trennung zwischen Hand- und Kopfarbeitern und fordert vom Vortrupp des Proletariats (der KPD) Entscheidungshilfen für die ins Proletariat drängenden Intellektuellen: Nur ein kleiner, parasitärer Teil von ihnen stünde auf der Seite der Bourgeoisie. Die übrigen seien für den revolutionären Klassenkampf unentbehrlich, obwohl man sich vor politischen Quacksalbern, die von Versöhnung redeten, schützen müsse. Gegen dieses Konzept entfesselten die Linksmarxisten, die den „Intellektuellen“ ganz auf die Seite der Bourgeoisie schlugen, wilde Polemiken. Das EKKI schrieb der wichtigsten linksmarxistischen Partei, der KAPD, deshalb am 20. Juli 1920 einen „Offenen Brief“ und rügte ihre linkssektiererische Haltung und vor allem die Hetze gegen Intellektuelle, ohne dabei „Intellektueller“ als durchgängig positive Bezeichnung zu verwenden. Es lag der eigentümliche Versuch vor, den Intellektuellen zu retten, ohne auf das Schimpfwort „Intellektueller“ verzichten zu müssen – wie bereits oben angedeutet. Eingangs wird die positive Formel „geistiger Arbeiter“ eingeführt, und auf drei neutrale Verwendungen von „Intellektueller“ folgt der Angriff, hinter der Hetze gegen kommunistische Intellektuelle stünden typisch schwankende Intellektuelle, die aufträten gegen „solche ‚Intellektuelle’ [...] wie Clara Zetkin, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg“. Die Anführungsstriche zeigen: Kommunistische Führer sind eben keine Intellektuellen. Unter diesem Aspekt sieht man auch in Hörnles neutralem Aufsatz eine gewisse Gewichtung: Er verwandte neben „Intellektueller“ das Synonym „Kopfarbeiter“ und sagte alles Missliche von den Intellektuellen, alles Rühmliche von den Kopfarbeitern. Selbst in Texten also, die den Intellektuellen verteidigen oder für die KPD reklamieren wollten, hatte das Wort „Intellektueller“ einen negativen Klang und wurde durch positive Synonyme wie „Kopfarbeiter“ und „geistige Arbeiter“ ersetzt. Gegen seine Verwendung als Schimpf- und Hetzwort sollte es deshalb keinerlei stabilisierende Widerstandskraft haben.
Diese Verwendung gründete sich zum einen auf die oben dargestellten Gruppenkämpfe, zum anderen auf den allgemeinen Vorwurf, der „Intellektuelle“ sei bloßer Büttel der Bourgeoisie und seine daraus abgeleitete Verantwortung für historische Katastrophen und Entwicklungen: Die Intellektuellen waren die Hauptschuldigen am Ersten Weltkrieg, weil sie’s hätten „wissen müssen“. Besonders die Linksmarxisten trugen das mit unglaublicher Schärfe und Obstinatheit vor. Der Hass auf die Helfershelfer beim großen Völkermorden brachte die Intellektuellen grundsätzlich und unaufhebbar auf die Seite der Bourgeoisie. Sie, „die die Arbeit nicht einmal vom Zuschauen her kennen, schaffen Ideologien, um euch niederzuhalten“. Obwohl das blindwütige Rasen nach 1922 abnahm, blieb der Vorwurf der Kriegshetze im Repertoire. Dafür wurde ein anderer Vorwurf laut, der bis 1933 aktuell blieb: Die Intellektuellen als „Träger des Faschismus“ und „Schöpfer seiner Ideologie“ (Clara Zetkin). Immer wieder als Verantwortliche für die beiden großen Katastrophen der ersten Hälfte des Jahrhunderts benannt, konnte „Intellektueller“ als schlichte Bezeichnung für eine Person aus einer bestimmten Schicht kaum noch konnotationsfrei gebraucht werden.
Hinzu kam, dass der Intellektuelle aus einer ganz anderen Perspektive als der soziologisch-schichtenanalytischen immer wieder als Antityp des Arbeiters dargestellt wurde, was vor allem in den innerparteilichen Gruppenkämpfen zum Tragen kam. Während es außerhalb der Partei (noch) den neutralen Intellektuellen gab, veränderten sich „drinnen“ die Maßstäbe: Gemessen wurde an den Tugenden des Arbeiters, die dem Intellektuellen natürlich fehlten. Die in diesem Kontext negativ konnotierten zentralen Eigenschaften des Intellektuellen wurden zu sprachlichen Kennwörtern geformt, und schlugen im extremsten Fall von charakterisierenden zu definierenden Merkmalen um. Damit begann die ideologiegesteuerte Umformung des Begriffsinhaltes.
Im Kampf der marxistischen Gruppen bezogen die reformistische SPD, die linksmarxistischen Parteien und die leninistische KPD gegeneinander Stellung, und auch innerhalb der KPD traten „Rechte“ gegen „Linke“ auf oder man gerierte sich als Verfechter des „richtigen“ Marxismus-Leninismus. In allen Auseinandersetzungen war „Intellektueller“ eine jener Beschimpfungen, mit denen man am tiefsten treffen wollte und konnte. Man griff meist erst auf dem Höhepunkt zu ihr – als typische „Schimpfe in Entscheidungssituation“. Wie bereits erwähnt, benutzte Lenin schon 1903 die Invektive „Intellektuelle“ gegen die opportunistischen Menschewisten. 1920 bezog er – wie das EKKI – Position gegen die für die KPD bedrohlichen Linksmarxisten und wählte dazu den Vorwurf des „Intellektuellentums“ (dazu s.u.). Nachdem die Linksmarxisten um 1925 ins Sektenhafte abgeglitten waren und der zwischenparteiliche Kampf abflaute, hätte das Abdrängen von „Intellektueller“ ins Schimpfwörterlexikon ein Ende haben können – wenn nicht der Kriegshetzer- vom Faschistenvorwurf abgelöst worden wäre und der zwischen- vom innerparteilichen Kampf, wobei das Schimpfwort hauptsächlich gegen die Parteilinke gerichtet wurde. 1923 bekämpfte der KP-Vorsitzende Heinrich Brandler den Widerstand gegen die „Einheitsfront“ mit dem Vorwurf, die Angreifer seien „Intellektuelle“. Nachdem die Linken Maslow/Fischer die Oberhand gewonnen hatten und wieder von der Spitze verdrängt werden sollten, formulierte der Komintern-Vorsitzende Sinowjew: „Allgemein gesprochen bestand die Linke aus zwei Teilen: aus den guten proletarischen Elementen einerseits und der intellektuellen Gruppe andererseits [...] Die Anmaßung dieser Intellektuellen war, nicht nur die deutsche Partei zu führen, sondern auch die Komintern.“ Die Formel von den „zwei Gruppen“ war bald in aller Munde. Zu diesem Zeitpunkt gab es schon eine etablierte Tradition der Intellektuellenbeschimpfung in der KPD, die mit Bebels Rede 1903 begonnen hatte, und damit auch ein durchgängiges Bewusstsein von dem, was man traditionell mit „Intellektueller“ verband. Eine besondere Situation ergab sich daraus, dass die siegreichen Rechten jeweils im Anschluss an den Machtkampf um die Unterstützung der Mittelschichten, also auch der Intellektuellen, warben. Das führte zu einem abrupten Verwendungsstopp 1923 und 1925. Bei der Entmachtung der „Rechten“ und „Versöhnler“ zugunsten der Moskautreuen 1928/29 spielte das Wort eine deutlich geringere Rolle, dennoch lässt sich zeigen, dass das negative Potential von „Intellektueller“ auch nach den Höhepunkten 1923 und 1925 weiterhin auf Abruf bereit lag.