5.6. Mentalitätsgeschichtliche Wandlung

In der Literaturwissenschaft wird das 18. Jahrhundert auch als age of sentiment bezeichnet. In Dramen und Romanen war Empfindsamkeit (sensibility) seit etwa 1740 das zentrale Thema, es traten großherzige und gute Figuren auf, die bei der kleinsten Ungerechtigkeit weinten. Im Vergelcih dazu wirkten ältere Komödien, in denen über das Mißgeschick anderer gelacht wurde, extrem grob. In den 1760er und 70er Jahren hatte sich das Weinen zu einem wahren Kult entwickelt. Lady Louisa Stewart erinnerte sich in ihren Tagebüchern, einen der populärsten Romane (Man of Feeling) 1771 als 14jährige zuerst allein gelesen zu haben, aus Angst, nicht genug weinen zu können. Erst danach las sie ihn unter Tränen öffentlich vor. Bei einer Wiederholung dieser Darbietung 1826 weinte dagegen niemand, einige Zuhörer lachten sogar. Die Empfindsamkeit war lächerlich geworden. Schon zur Hochzeit der Weinerlichkeit hatten „wirklich“ Empfindsame verächtlich über die affected sensibility gesprochen, um ihre eigenen Tränen davon abzugrenzen.

Die Inhalte der Empfindsamkeit speisten sich aus zwei Quellen, die schon im 17. Jahrhundert Zweifel an der grundsätzlichen Schlechtigkeit des Menschen angemeldet hatten: die Latitudinarier, eine Strömung in der anglikanischen Kirche, forderten weniger Zeremonie, weniger Hierarchie und mehr Toleranz und wiesen auch auf die guten Eigenschaften des Menschen wie Geselligkeit, Mitleid usw. hin. Darauf baute der 3rd Earl of Shaftesbury 1711 in seinem Buch über die Charakteristiken des Menschen auf. Sie hätten als Gemeinschaftswesen wie die Bienen entsprechende Anlagen, deshalb würden ihnen egoistische wie altruistische Taten in gleicher Weise Freude bereiten.

Darauf folgte eine Aufwertung von Gefühlen, die bisher als menschliche Leidenschaften (passions) ausschließlich negativ bewertet worden waren. Nun wurden sie als feelings oder emotions bezeichnet und traten schließlich gleichberechtigt neben die Vernunft. sensibility (ursprünglich Wahrnehmungsvermögen) bedeutete nun Emfpindsamkeit, sentiment (ursprünglich vernünftige Meinung) war als zarte Emotion Ausdruck der sensibility. Der Mensch unterschied sich nicht mehr nur durch Vernunft vom Tier, sondern auch durch die „größere Feinheit seiner Gefühle“. Folglich bemühten sich alle, möglichst empfindsam zu erscheinen – Tränen wurden zum Symbol der Menschlichkeit. sympathy (Mitleid), gemeint als Nachempfinden der Gefühle anderer Menschen, war ein höchst erstrebenswertes Zeichen von sensibility, das Vorbild war die Romanfigur Uncle Toby, der sogar Fliegen das Leben rettete. Der Trend zum Mitleid und zur Tugendhaftigkeit galt natürlich nur für die oberen Schichten, in denen er ein Statussymbol war. Auch in der Philosophie war Empfindsamkeit en vogue: David Hume forderte, der Verstand müsse nur Sklave der Gefühle sein, er sei das Instrument eines emotionalen Impulses.

Einerseits leistete die Kultur der Empfindsamkeit vielen Reformbewegungen wie dem Kinderschutz und der Gefängnisreform Vorschub, andererseits war sie aber auch verantwortlich für einen Kult, der absurde Blüten trieb. Weil Weinen als Statussymbol galt, wurde bald allgemein ständig geweint. Von den Kritikern dieser übersteigerten Weinerlichkeit wurden Satiren veröffentlicht. Trotzdem hatte die Empfindsamkeit jenseits des affektierten Kultes eine große Wirkung.

Das Gegenstück zur Empfindsamkeit war das adelige Verhaltensideal der politeness (Höflichkeit), das ursprünglich nur für das Verhalten am königlichen Hof galt. Mit der Entstehung von Mittelschichten gab es im 18. Jahrhundert dann einen steigenden Bedarf an Ratgebern für Etikette und Manieren, die sich natürlich zunächst an den höfischen Ritualen orientierten. Das erklärte Ziel der politeness war, zur Freude anderer beizutragen, ihnen beizupflichten und jeden Streit zu vermeiden. Das gelang oft nur unter der Zurückstellung der eigenen Gefühle, deren Präsentation gleichzeitig die Empfindsamkeit forderte. Dieses Paradox zeigte sich in den posthum veröffentlichten Briefen des Lord Chesterfield an seinen unehelichen Sohn, in denen er ihm politeness als Mittel zur Sicherung der Karriere empfahl. Diese Dokumente offenbarten die den Mittelschichten bis dahin unbekannte Heuchelei des Adels und führten zu einem eigenen Konzept der Aufsteiger: Sie versuchten, politeness als Ausdruck von Gefühlen zu definieren und die widersprüchlichen Konzepte zu verbinden.