6 Die Entwicklung von Parteien

Diese Gruppen, die heute meist als Parteien bezeichnet werden, waren zu diesem Zeitpunkt noch keine stabilen Organisationen mit Parteibuch und Institutionen, sondern eher grobe politische Richtungen. Nach Meinung der Zeitgenossen sollte es keine Parteien geben, sondern nur gemeinsame Anstrengungen des Parlaments für das Allgemeinwohl – feste Gruppen (sections) würden diese Arbeit nur stören. Politik war noch eine Sache der Elite, die Lords des Oberhauses übten über ihre Patronage großen Einfluß aus. Namier bewertet deshalb die Politik des 18. Jahrhunderts als nur an Personen gebunden. Allerdings gab es seit der exclusion crisis doch zwei gegensätzliche Positionen: Man bezeichnete sich gegenseitig als Whigs (schottische Rebellen) und Tories (irische Räuber). Der „Gründer“ der Whigs, der 1st Earl of Shaftesbury, baute eine gewisse Parteiorganisation gegen Jakobs Thronfolge auf, mit dem Green Ribbon Club als Hauptquartier und eigenen Zeitungen (True Protestant u.a.). Das „Programm“ der Bewegung war

Die Tories bildeten die konservative Opposition zu diesen Forderungen, auch wenn sie vor allem in der religiösen Frage eher strikter als die Whigs waren und ebenfalls den Ausschluß Jakob II. von der Thronfolge forderten – eine definitive Einschränkung der Prärogative des Königs. Eine dritte Gruppe waren die Jakobiten, die Widerstand gegen die hannoveraner Thronfolge leisteten und am liebsten Jakob II. trotz seines katholischen Glaubens auf dem Thron gesehen hätten. Es gab auch mehrere Aufstände gegen die Hannoveraner, 1745 führte der Karl Eduard, der Sohn Jakob II., sogar ein kleines Heer aufständischer Schotten gegen London. Mit der brutalen Niederschlagung dieses Aufstandes waren auch die Jakobiten ausgeschaltete, die sich nun nur noch heimlich zu den Stuarts bekannten. Wie viele Anhänger das frühere Herrscherhaus noch hatte, ist deshalb schwer zu schätzen. Die Whigs benutzten jedenfalls die Jakobiten, um die Tories zu diskreditieren, indem sie beide gleichsetzten.

Der Aufstieg zur „Regierungspartei“ brachte die Whigs in ideologische Schwierigkeiten. Sie hatten sich immer als Opposition zur Krone definiert, nun herrschte Walpole mit Unterstützung des Königs und verletzte sämtliche Grundsätze. Es kam zu einer Spaltung in dogmatische old/real whigs und pragmatische court whigs, die angepaßt und königstreu waren. Ihre innerparteilichen Gegenr verfolgten weiter die Volkssouveränität, waren gegen eine Machtkonzentration bei Einzelnen wie Walpole, gegen eine Beeinflussung der Wahlen, für Sparsamkeit und Unabhängigkeit der Bürger. Damit hatten sie viele Berührungspunkte mit den Tories, die gemeinsam mit ihnen gegen die Vorlagen Walpoles stimmten. Die Idee der country-opposition, einer Vereinigung der Hinterbänkler beider Seiten unter der Führung des Viscount Bolingbroke scheiterte allerdings an den tiefen ideologischen Gräben: den real whigs war die Glorreiche Revolution nicht weit genug gegangen, den Tories schon zu weit. Bolingbroke wurde wegen seiner Flucht nach Frankreich 1715 erfolgreich als Jakobit diffamiert, ab 1734 war das Projekt der paretiübergreifenden Opposition endgültig gescheitert.