6.1.1 Graf Hermann Keyserling

Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs 1918 waren die Deutschen der äußeren Macht beraubt. „Errettung“ und „Aufbau“ waren gefordert, und neben den Lösungen der Faschisten und Marxisten blieb als dritter Weg die geistige Neugeburt. Setzten schon die Männer der „Konservativen Revolution“ ihre Hoffnungen in diesen Punkt, so waren um so mehr die Vertreter des humanistisch-philosophisch gebildeten Bürgertums aufgerufen. Sie mussten unter Beweis stellen, dass ihr „Geist“ von überzeitlicher Qualität war und nicht nur vergänglicher Firnis eines vergänglichen imperialistisch-bourgeoisen Systems.

Die größte Beachtung fanden die Bemühungen Graf Hermann Keyserlings, der 1919 seine Ideen in der Schrift „Was uns not tut. Was ich will“ niederlegte und 1920 die „Schule der Weisheit“ in Darmstadt gründete. Er konstruierte seine Diagnose der Vergangenheit und Gegenwart sowie seine Forderungen für die Zukunft aus zwei Begriffen: „Geist“ und „Seele“. „Seele“ meint den gefühligen Totalbezug der Gesamtperson zur Welt, der in Systemen von ungeprüften „Vorurteilen“ fixiert ist. „Geist“ ist dagegen das Element, das seinem Wesen nach jene schützenden Vorurteilssysteme aufbricht und die „Seele“ aus dem geformten Zustand in einen amorphen drängt. Der Gegenzug der „Seele“ ist die Wiedergewinnung einer neuen „Form“ und dieses Gegeneinander heißt: Geschichte. Der seit dem 18. Jahrhundert sich immer mehr emanzipierende Verstand ist nun mit dem Ende des Weltkrieges zur tyrannischen Herrschaft gelangt und hat die „Seele“ vollkommen erstickt. Anders als der pessimistische Spengler stellt Keyserling diesem „Untergang des Abendlandes“ zwei rettende Grundgedanken entgegen: Eine „neue Synthese von Geist und Seele“ müsse durch Konzipierung neuer Seelenformen auf höherem geistigem Niveau erfolgen und das könne gerade da erwartet werden, wo das Chaos am größten sei: in Deutschland. Obwohl in diesem vielbeachteten Gemisch aus konservativen und fortschrittlichen Ideen Seele und Geist zunächst gleichbewertet erscheinen, wird ein „überwiegendes Gefühlsleben gegenüber einer Hypertrophie des Intellekts [als] das geringere Hindernis“ angesehen. Das terminologische System tendiert in der Sphäre des „Geistes“ zu negativer Konnotation, denn dessen seelenzerstörende Kraft wird am breitesten ausgemalt und am intensivsten dargestellt, wobei als Spezialterminus für diese Kraft „zersetzen“ häufig gebraucht wird. Positiv konnotiert wird der „Geist“ nur in seiner Funktion als Hilfsmittel, das in einen höheren Zustand führen soll. Der neue Führungstyp des Systems heißt dementsprechend nicht „Geistiger“ und schon gar nicht „Intellektueller“, sondern „Weiser“. Damit stand Keyserling in einem sehr misslichen Punkt gegen die „Aktivisten“, die doch in der Figur des „Geistigen“ einen positiven Gegenpol zum „Intellektuellen“ aufzubauen versuchten. Die Bemühungen, in positiven Terminologien attraktive Identifikationsangebote zu schaffen, addierten sich nicht, sondern hoben sich gegenseitig auf. Nur in der negativen Festlegung von „Intellektueller“ zeigte sich Einigkeit.