9 Die Deutschlandpolitik Adenauers (Zusammenfassung)

Im Gegensatz zu vielen anderen Historikern geht Rudolf Morsey davon aus, dass auch Konrad Adenauer die Wiedervereinigung Deutschlands der Westintegration nicht untergeordnet hat. Allerdings habe er anders als die meisten deutschen Politiker schon 1945 eine künftige Zweiteilung Europas und Deutschlands vorausgesehen und seine Politik an den tatsächlichen Möglichkeiten ausgerichtet. Im Januar 1949 hatte er die „völlige Sowjetisierung der Ostzone“ und die „schrankenlose Herrschaft der SED und der Russen“ als politische Realität akzeptiert und angesichts dieser Situation „leider einstweilen“ keine Möglichkeit für eine „Wiedervereinigung aller Zonen“ gesehen. Diese plante er höchstens auf lange Sicht im europäischen Rahmen. Auch die Gebiete östlich von Oder und Neiße hielt er „bis auf weiteres“ für verloren, beharrte aber auf ihrer Wiedergewinnung als Aufgabe des westlichen Deutschland.

Adenauer zog aus seiner Konstellationsanalyse drei Folgerungen: Die prinzipiell expansionistische Sowjetunion musste durch einen Zusammenschluss Westeuropas an weiterem Vordringen gehindert werden („Verteidigung der christlich-abendländischen Kultur gegen die dunkle asiatische Macht des Kommunismus“). Zweitens sollten die Deutschen rasch aus der Isolierung herausgeführt werden und sich an der politischen, kulturellen und ökonomischen Integration mit einem zusammengeschlossenen Westeuropa beteiligen, die letztlich zu einer europäischen Weltmacht neben den USA und der Sowjetunion führen sollte. Drittens hielt Adenauer es für notwendig, den vor 1933 zwischen Ost und West hin- und hergerissenen Deutschen jede außenpolitische Entscheidungsfreiheit zu nehmen und eine Neuauflage der „Schaukelpolitik“ im Stil Gustav Streesemanns ebenso wie eine nationalstaatliche Restauration zu verhindern. Zudem bot der Gedanke einer europäischen Einigung gegenüber der diskreditierten Nationalstaatsidee ein Symbol historischen Fortschritts. Anders als Kurt Schumacher betrachtete Adenauer allerdings ein geeintes Westeuropa und nicht Rumpfdeutschland als geeignetes Magnetfeld.

Morsey weist darauf hin, dass nach 1949 zunächst die Hohe Kommission über die Deutschlandpolitik der Bundesregierung bestimmte, deren Hauptziel die Verhinderung einer weiteren sowjetischen Expansion war. Das geeignete Mittel dazu war ein westintegrierter deutscher Teilstaat, der den Westmächten Sicherheit vor Deutschland und für Deutschland verschaffte. Adenauers Nahziel war an diesen Vorgaben ausgerichtet, d.h. er stellte nicht die Westintegration über die Wiedervereinigung, sondern Freiheit und Sicherheit der Bundesrepublik und eines wiedervereinigten Deutschlands über das Ziel einer Wiederherstellung der Einheit Deutschlands in Unfreiheit: „Neutralisierung heißt Sowjetisierung“. Damit verband er die beiden deutschlandpolitischen Kernfragen in einer Politik der zwei Ziele, in der dem Notwendigen und Erreichbaren chronologische Priorität zukam. Die Formel „Freiheit, Friede, Einheit“ drückte die Hoffnung aus, diese Ziele sämtlich erreichen zu können.

Auch nach Gewinnung einer neuen Grundlage der Deutschlandpolitik bis 1955 – Sicherheit und Partnerschaft im Bündnis – blieben der Alleinvertretungsanspruch, der Grenzvorbehalt und die Forderung nach freien gesamtdeutschen Wahlen die „Eckpfeiler“ der Bonner Ostpolitik. Die „gemeine Verleumdung“ der SPD, die Bundesregierung wolle die Wiedervereinigung nicht, wies Adenauer scharf zurück.