Historische Semantik ist bislang überwiegend als Begriffsgeschichte betrieben worden, ohne dabei über die traditionelle Geschichte der Ideen hinauszukommen. Der Ansatz, durch die Beschreibung von Begriffsinhalten den Wandel von Auffassungsweisen der Wirklichkeit zu erfassen, blieb also in der Beschreibung des wissenschaftlich-philosophischen Bewusstseins stecken. Neue Ansätze in der historischen Semantik zielen dagegen auf eine umfassende Bewusstseinsgeschichte historischer Zeiten, denn erst in der Sprache schlägt sich die Konstitution gesellschaftlicher Erfahrungen nachvollziehbar nieder. Dazu müssen die untersuchten (sprachlichen) Äußerungen innerhalb eines epistemischen Kontextes betrachtet werden. Die Konzentration auf isolierte Begriffe ist eine grundlegende Schwäche der ideengeschichtlich orientierten historischen Semantik, die auf ihren ungeklärten sprachtheoretischen Grundlagen beruht. Diese Arbeit soll die Defizite vorliegender Konzeptionen der historischen Semantik darstellen und eine neue sprachtheoretische Begründung als Fundament einer Bewusstseinsgeschichte liefern. Im Vordergrund steht dabei eine Bedeutungstheorie, die die Kontextabhängigkeit sprachlicher Zeichenverwendungen berücksichtigt.
Fraglich ist, ob die in der historischen Semantik dominierende Begriffsgeschichte überhaupt adäquat ist für eine Bewusstseinsgeschichte. Indem die Bedeutungen – die Leistung des gesamten kommunikativen Prozesses – in die Begriffe gepackt wird, setzt man nämlich sie als feste Entitäten und ignoriert ihre Entstehung unter kognitiven, situativen und epistemischen Voraussetzungen und ihre diachrone Tradierung. Tatsächlich kann aber die Konstitution kommunikativer Bedeutungen nur erklärt werden als Konstitution gesellschaftlichen Wissens in kommunikativen Handlungen. Am Ende der Diskussion wird deshalb der Verzicht auf eine wortgebundene historische Semantik zugunsten einer Diskurssemantik stehen.